
Vorbild ihres göttlichen Erlösers. Fiorino behauptet freilich, die stupiden
Mönche mischten sich unnützer Weise in eine Menge von Dingen, die auch ohne sie
zu Stande kommen würden; aber ich glaube nicht, dass die liebliche
Kreuzwegandacht hier von selbst aus Sand und Steinen aufgeblüht wäre. Ein armer
Mönch musste kommen und sie aus seinem liebeflammenden Herzen hierher
verpflanzen.«
    »Armseliger Spott,« rief Florentin erbittert, »der meinen und Ihren gesunden
Menschenverstand, Signora, nicht trifft. Aber das behaupte ich: ob diese Andacht
hier oder im Mond gehalten wird, das ist für das wahre Wohl der Menschheit
durchaus gleichgültig und deshalb hätte dieser erbärmliche Mönch sie in seinem
Herzen oder in seinem Kloster behalten dürfen.«
    »Wie denn überhaupt die beste Lebensäusserung der katholischen Kirche und die
beste Kundgebung innigen Glaubens in Deinen Augen, Fiorino, die wäre - dass sie
sich unsichtbar machten; nicht wahr?« sagte Lelio.
    »Und ich bin der Ansicht,« sagte Judit, »dass das wahre Wohl der Menschheit
außerordentlich gefördert wird, wenn man ihr durch Andachtsübungen Trost und
Kräftigung beibringen kann. Das ist ein edles, einfaches Mittel und es freut
mich viel mehr, Fiorino, die Kreuzwegandacht im Koliseum gehalten zu wissen, als
im Monde.«
    »Wenn Sie das Menschenwohl im stumpfen Dulden erblicken, Signora, so
begreift sich Ihre Freude. Nur entadeln Sie den Menschen dadurch und berauben
ihn seiner Würde,« entgegnete Florentin.
    »O nein!« rief Lelio; »der betende Mensch ist sich mehr als ein anderer
seiner Würde bewusst: er spricht mit Gott, als ein Kind zum Vater.«
    »Lelio, ich bitte Dich, hör' auf mit Deinen Faseleien!« rief Florentin mit
steigender Heftigkeit. »Es ist entsetzlich, einen vernünftigen Menschen - denn
Du warst noch vor drei Monaten ein sehr vernünftiger Mensch, von hellem Kopf und
klarer Einsicht - in einer so traurigen Verwirrung seiner Begriffe zu sehen. Der
Mensch ist ein aus ewigen Naturgesetzen hervorgehendes, in sich selbst
abgeschlossenes, selbstständiges Individuum, das sich innerhalb der Schranken
jener Gesetze frei bewegt. Er kann sich nicht unsterblich machen, kann nicht
immer zwanzig Jahre alt bleiben, kann nicht auf einem anderen Planeten sich
ansiedeln und was dergleichen Schranken mehr sind, welche eine Bedingung seines
Daseins ausmachen. Aber in die Abhängigkeit von einem sogenannten höheren Wesen
ihn bringen, zu einem unmündigen Kinde ihn machen wollen, das jenem Wesen
gegenüber zu bitten, zu danken, zu wünschen, zu jammern hätte, um es sich
geneigt zu machen - ja, das ist eben ein Märchen, womit man die Völker in den
Tagen der Unwissenheit am Gängelbande führt. Ein solches höheres Wesen kann
schon deshalb gar nicht für uns existieren, weil
