 Umgebung, schlechte Sitten oder sonst etwas - nur nicht auf's
Herz.«
    »Die höchst edlen Herzen leben und handeln nicht höchst brutal,« entgegnete
Orest. »Das Ding, das in der Menschenbrust Tiktak macht, stellt den Zeiger auf
unsere Handlungen.«
    »O, er hat recht, Signora!« rief Lelio; »der Graf hat ganz recht! im Herzen
sitzt der Wille des Menschen und macht ihn göttlich oder teuflisch oder gemein -
je nachdem er das Herz mit seinen Neigungen zur Höhe treibt, zur Tiefe drängt.«
    »Könnt' ich nur begreifen, Lelio,« sagte Judit fast ungeduldig, »wie Sie in
so wenig Wochen sich ganz haben verwandeln können! Früher sprachen Sie in
Fiorino's Styl und lebten in dessen Anschauungsart - allerdings schwunghafter!
und jetzt ist das spurlos verschwunden, wie mit einem feuchten Schwamm von der
Schiefertafel hinweg gewischt!«
    »Das verspricht Dauer!« rief Florentin verhöhnend.
    »Sie müssen bedenken, Signora,« sagte Lelio gelassen, »dass ich eine
vortreffliche katholische Erziehung genossen und bis zu meinem achtzehnten Jahre
in dem Kreise einer Familie aufgewachsen bin, die, so einfach bürgerlich sie
ist, durch echt christliche Bildung sich auszeichnet. Nichts macht den Geist so
empfänglich für schöne und große Ideen, nichts hebt das Gefühl zu einer solchen
Höhe, als die Kultur der Seele durch Religion. Unter diesen Einflüssen verlebte
ich meine Kindheit, meine erste Jugend. Ein Bruder meines Vaters ist Pfarrer an
der Kirche Maria della pace; ein Bruder meiner Mutter ist Benediktiner zu Sta.
Scholastica, droben im Gebirg; eine ihrer Schwestern Klosterfrau bei den vive
sepolte« .... -
    »Grässlich!« rief Judit; »bei den Lebendig-Begrabenen! o grässlich!«
    »So nennt sie der Volksmund - ja Signora!« fuhr Lelio ruhig fort. »Was ist
denn darüber zu lamentieren? Begraben zu sein für die Bosheit und Gemeinheit der
Welt, ist doch wahrlich kein Unglück! Trösten Sie sich, Signora! meine Mutter
hat noch drei Brüder und zwei Schwestern, die sämtlich in glücklicher Ehe leben
und zusammen wohl zwei Dutzend Kinder haben: die Welt stirbt nicht aus! aber die
Seelen, die sich von ihr zurückgezogen haben, erhalten in der Familie durch ihr
Gebet und ihr Beispiel ein gewisses himmlisches Element, ein übernatürliches
Gut, das auch Denen zu gut kommt, die im Strome der Welt schwimmen. Als ich
jetzt zu meinen Eltern zurückkam, brauchte ich mich nur unterzutauchen in die
Erinnerungen meiner Jugend - und der ganze Ballast sündhafter Verkehrtheit fiel
mir wie eiserne Bande von der Stirn, von der Brust, vom Auge. Ich wurde frei -
denn ich trat aus der Luft
