 nach
gefriedigt. Jeder hat seine Kämpfe zu bestehen, seine Versuchungen zu
überwinden, in seinen Prüfungen sich zu läutern..«
    »Und das alles ohne das erleichternde Gegengewicht großer Tätigkeit!«
    »Ach, Uriel, wir haben hier mehr zu tun, als je die Tante Isabelle, Korona
und ich auf Windeck zu tun hatten.«
    »Ist Gebet - Tat?« fragte er.
    »Meinst Du nicht?« fragte sie zurück. »In stiller Nacht geht der göttliche
Heiland in die Einsamkeit der Berge und betet für die sieche Menschheit. Ist das
weniger Tat, als wenn er am Tage ihre Gebrechen heilt? In stiller Nacht kniet
Franziskus, der seraphische, vor einem Kruzifix und betet: Mein Gott und mein
Alles. Das war vielleicht mehr Tat, als seine ergreifendsten Predigten, durch
die er Tausende zur Busse bekehrte. Das Gebet ist eine ungeheuere Tat, Uriel, ist
das Fundament von allem, was auf Erden zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen
geschieht. Nur setzt sie, statt der Hände und Füße, die höchsten geistigen
Kräfte in Bewegung. Sie ist der Atemzug des Gedankenlebens. Die Wissenschaft mit
ihren Entdeckungen und Erforschungen, die von so unberechenbarem Einfluss auf die
Menschheit sind, wirkt in der Sphäre des Verstandes etwa so, wie das Gebet in
der höheren und umfassenderen geistigen Sphäre: sie erfindet, was andere
ausführen. Das Gebet lenkt und unterstützt, was anderen frommt. Am jüngsten Tage
wird es dereinst offenbar werden, was wir dem Gebet frommer Seelen zu danken
haben. Unser Gebet hier ist nun freilich zu gering, um große Erfolge zu haben.
Wir sind sehr unvollkommen und gehören nicht zu jenen Lieblingen Gottes, deren
Bitten und Wünsche er gern hört und gern erfüllt. Wir sind jedoch in äußerer
Praxis auch nicht so untätig, wie Du zu glauben scheinst! In einer armen Familie
hat jedes Mitglied das Seine zur Erhaltung des Hauswesens beizutragen, der eine
verrichtet dies und der andere jenes. Wir bilden eine arme Familie mit einer
geistlichen Mutter und zwölf Töchtern. Die Zahl ist festgesetzt zu Ehren des
göttlichen Meisters und seiner heiligen Apostel. Sie ist groß genug, um allen
Verpflichtungen nachzukommen; sie ist klein genug, um ohne Lärm und Tumult das
stille Grottenleben des Karmels führen zu können. Die eine hat die Haushaltung
zu besorgen, die andere die Bedürfnisse der Sakristei. Die dritte ist
Krankenwärterin, die vierte spielt die Orgel und leitet den Gesang. Alle stehen
auf zum gemeinsamen nächtlichen Chor und beten die Horen zu den bestimmten
kanonischen Stunden. Ist das nicht alles eine höchst geziemende Beschäftigung?
in stiller Zurückgezogenheit, die überall den Frauen so wohl ansteht, werden die
häuslichen Pflichten des geistlichen Familienlebens erfüllt - und erfrischend
und beseelend
