 besonders begnadet sein, um sich innerlich
und vollständig von allen Geschöpfen - und von dem Glück und den Freuden, welche
sie bringen, abzutrennen. Es gibt sündlose Freuden und Verhältnisse voll
geheiligtem Glück.«
    »Gewiss!« entgegnete sie lebhaft. »Nicht Jeden beruft Gott zum vollkommenen
Aufgeben des Irdischen; allein er verlangt von jedem, dass dasjenige, was in dem
sündlosen Glück und den erlaubten Freuden irdisch ist, durch Beziehung auf Gott
mehr und mehr gereinigt und verklärt werde. Willst Du also Irdisches besitzen
und in Deiner Freude darüber das rechte Maß inne halten und Dich nicht
besinnungslos darin verlieren; willst Du Menschen lieben und in ihnen Dein Glück
finden: so darfst Du es doch nur als etwas von Gott Geliehenes besitzen, das Du
allzeit bereit bist, mit Gleichmut ihm zurück zu geben. Tust Du das nicht, so
wirfst Du dein Herz der Irdischkeit zu Füßen. Tust Du es aber, so lebst Du
gewissermaßen auch nach den evangelischen Räten, arm im Geiste, bereit zur
Entsagung, willig zum Gehorsam - und in dieser Weise heiligen sich unzählige
Seelen.«
    »Und warum, Regina, hast Du diesen leichteren Weg nicht gewählt?«
    »Weil ich ihn für einen gefährlichen und mühseligen Umweg halte. Mein Ziel
ist Gott: danach verlange ich. Mein Ende ist Gott: darüber frohlocke ich.
Weshalb sollte ich bei der Kreatur mich aufhalten? Überdas setzt es ein Streben
nach höherer Vollkommenheit voraus, wenn man den Entschluss nach den
evangelischen Räten zu leben, durch die Klostergelübde besiegelt und sich durch
sie, an Hand und Fuß himmlischer Weise gebunden, wehrlos das süße Joch und die
sanfte Bürde Jesu auflegen lässt.«
    »Immer der alte, hohe, energische Schwung!« rief Uriel.
    Sie unterbrach ihn, wie sie jedesmal tat, wenn sie fürchtete, dass er von Lob
oder von Liebe sprechen wolle, und fragte:
    »Bist Du denn wirklich all diese Jahre in der Welt umher geschweift?«
    »Ja!« erwiderte Uriel. »Ich wollte die eine Liebe vergessen und eine andere
finden; dazu braucht man Zeit und allerhand Kenntnis.«
    »Im Grunde nur - Erkenntnis!« sagte Regina. »Nun, wohin bist Du denn mit
Deinen Kenntnissen gelangt?«
    »Dass ich nichts habe finden können, das größer als mein Herz und folglich
meiner Liebe würdig wäre. Die Höhen des Tschimborasso, und die Weiten der Wüste
und die Tiefen des Ozeans und der Donnersturz des Niagara füllen die Abgründe
meines Herzens nicht aus - und all das Lebensgewimmel voll Tätigkeit und
Geschäftigkeit, voll Klügeleien und Betrügereien, voll Berechnung und Täuschung,
voll Anstrengung und Nüchternheit gibt meinem Herzen auch nicht einen einzigen
rascheren Schlag.«
    »Das begreift sich!
