 genießen?«
    »Doch!« rief er lebhaft; »die Seele ringt nach Glück. Allein sie will nur
ein übernatürliches genießen.«
    »Sieh! das ist noch Welt, Uriel: Genuss finden wollen im übernatürlichen
Leben! Begehrst Du den, so bist Du ja gleichsam ein Lohndiener. Als der
göttliche Heiland am Kreuz hing, durchströmte ihn ohne Zweifel eine
unbegreifliche Seligkeit, das Werk der Erlösung vollbracht zu haben; allein er
empfand so gar nicht den Trost, der doch in überschwänglicher Weise daraus
hervor hätte strömen müssen, dass er wehklagte: Mein Gott, warum hast du mich
verlassen! So müssen auch wir unser Glück einzig und allein in der vollkommenen
Hingebung an den Willen Gottes - ohne Beimischung von Genuss und Trost suchen.«
    »Ich bin aber nicht so vollkommen!« rief Uriel.
    »Ich auch nicht!« entgegnete Regina. »Dass wir es werden, ist Gnadensache;
dass wir uns alles Ernstes daran machen, es werden zu wollen, ist unsere Sache.
Übrigens bleibt Dir keine Wahl! da Du dein Herz nicht der Welt vor die Füße
werfen willst, musst Du es an's Kreuz heften. Eine Zwischenstation gibt es
nicht.«
    »Allein es gibt ein Maß in der Kreuzigung, Regina! Du hast immer das Leben
nach den evangelischen Räten mit seinen drei entsetzlichen Nägeln im Sinn.«
    »O,« fiel sie lebhaft ein, »Du nennst sie entsetzlich; ich nenne sie unser
Brautgeschmeide. Mit ihrem Schmuck sind wir des Bräutigams wert, denn sie
verähnlichen uns ihm. Schlagen sie den natürlichen Menschen an's Kreuz, so heben
sie dafür den übernatürlichen zum Himmel hinauf. Sie machen es ihm möglich,
seinen Reichtum in Gott allein, seine Freuden in Gott allein, seinen Willen in
Gott allein zu suchen und zu finden. Ja, nur sie machen ihm die vollkommene, die
Christus ähnliche Hingebung an Gott möglich. Unter dem Gelübde des Gehorsams,
welches die beiden anderen sicher stellt, führt der Mensch ein Abbild vom Leben
des Gottessohnes, der dreißig Jahre lang in der Hütte und der Werkstatt von
Nazaret sterblichen Menschen untertan war. Nein, Uriel! göttlich ist das ganze
Evangelium! aber die drei Nägel sind seine Krone und seine Glorie. Die bilden
büssende Seelen, jungfräuliche Seelen, Martyrerseelen. Nimm diese hinweg - was
bleibt übrig im Leben des Christentums? nur die Gebote, nur das Alltagsbrot,
während das himmlische Manna verschwindet. Den Vater behalten wir, aber den
Bräutigam verlieren wir. Die evangelischen Räte sind das eigenste Eigen des
Christentums. Das Jesukindchen hat sie vom Himmel herunter gebracht; um die
Krippe von Bethlehem sind sie aufgeblüht. Und weil sie diese wundervolle Abkunft
haben, deshalb sind
