 würde
beginnen. Es gehört mit zu den greulichen Lügen der Zeit, die geschichtlichen
Ereignisse und Charaktere zu Parteizwecken zu verfälschen und schon dem Kinde in
der Schule Zerrbilder statt Vorbilder in die junge Seele zu prägen.«
    »Und damit zieht sie, wie das von der Lüge auch nicht anders zu erwarten
ist, einen so traurigen und furchtbaren Hass groß, dass, wenn jetzt heftige
Katastrophen ausbrächen, der giftigste Gram sich gegen die Vertreter und Diener
der Kirche entladen würde. Lies die vertilgungswütigen Verfolgungen, welche der
treue und standhafte französische Klerus in der Revolution des vorigen
Jahrhunderts zu erdulden hatte. So würde es jetzt überall sein, wo
Revolutionsmänner an die Spitze kämen. Der Priesterhass wächst, je mehr Luzifers
Scharen wachsen.«
    »Das wäre ein Grund, um Priester zu werden! Was Satan hasst, muss Gott
lieben!« rief Uriel.
    »Und doch sind die Bestrebungen des Hasses dem Priester vielleicht nicht so
quälend, als die der sogenannten Humanität,« sagte Levin. »Ich habe in meinem
langen Leben schon manche Phase der Geschicke der Kirche durchgemacht. Zu Ende
des vorigen Jahrhunderts ging man mit der Guillotine und Deportation auf sie
los; das hat ihr nichts geschadet; im offenen und entschiedenen Martertum liegt
eine Art von übernatürlicher Lockspeise, die ihr gut bekommt. Aber nach den
napoleonischen Kriegen brach in Deutschland eine entsetzliche Zeit, eine
nüchtern-schwärmerische Epoche aus, die mit Deutschtümelei und allerhand
Bruderliebe seltsam herausgeputzt war. Da sollte die Kirche deutsch sein und
human und jedermanns Freund; den Quell ihres Lebens sollte sie verstopfen und
von Rom sich lossagen; und dafür die Vorteile genießen, die der Zeitgeist ihr
aufzuzwängen suchte: Lockerung heiliger und heilsamer Disziplin, Verblasenheit
ihres Dogma's, Fraternität mit allerhand unkirchlichen und widerkirchlichen
religiösen und philosophischen Systemen. Statt der katholischen Kirche sollte
eine Allerweltskirche organisiert werden, ohne Offenbarung Gottes, ohne
festbestehendes Dogma, ohne positiven Glauben, folglich ohne wahres Christentum
und zwei Mittel schienen vorzugsweise geeignet, dies zu bewerkstelligen: die
Aufhebung des Kölibates und die Sanktionierung der gemischten Ehen. Das
verehelichte Individuum, welches den katholischen Priester ersetzen sollte,
lehrt, was der Staat oder ein beliebiges Oberhaupt seiner Sekte von ihm begehrt:
das beweist die Erfahrung aller Zeiten; und in einer Mischehe ist von einem
frischen und kräftigen Familienleben im positiven Glauben keine Rede; das sieht
man alle Tage. Diese Mauerbrecher sollten die Kirche zersprengen. Aber unbewegt
hielt sie den Stoß aus - die heilige Kirche! die gemischten Ehen wurden nicht
sanktioniert - nur traurig geduldet; und der priesterliche Kölibat nicht
aufgehoben. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie meine Schwägerin Juliane,
Deine Großmutter, mich oftmals fragte, ob ich schon mein Augenmerk auf eine
künftige Gattin geworfen habe;
