 Welt, im
heimlichen Bewusstsein ihrer Ohnmacht, an den Glanz und die Überfeinerung, welche
die innere Vermorschung der Verhältnisse äußerlich übertünchte. Damals suchte
sie auch eine Beschirmung ihrer Unhaltbarkeit in großen Worten und in großem
Reichtum. Die Göttin Roma stand noch im Sitzungssaal des Senates zu Rom und die
Tempel der Götzen hatten noch ihre Priester und ihre Verehrer. Die Vermögen der
konsularischen und senatorischen Geschlechter waren so groß, dass deren
Besitzungen unseren Fürstentümern glichen. Die Sklaven der alten Zivilisation
zählten ebenso wie die der modernen - nach Millionen, und die Gladiatorenspiele,
blutiger zwar, doch nicht entsittlichender als die Schauspiele der modernen
Bildung, bestanden noch immer. Und die Macht des heidnischen Geistes mit seinem
Hochmut, mit seiner Überschätzung des Ichs und der äußeren Vorzüge, mit seiner
Sucht zu prahlen und zu schwelgen, war so gewaltig, dass die Entwickelung des
christlichen Geistes in den Massen durch ihn gehemmt wurde. Er war taub und
blind; er wollte die Signatur der Zeit nicht verstehen; er wollte beharren bei
seinen Wollüsten, in seinen Traumbilden, bei den Ausgeburten seiner stolzen
Gesinnung, gepaart mit niedrigen Begierden.
    Da öffneten sich, wie Du von der Jetztwelt sagst, unsichtbare Schleusen und
aus ihnen quoll und schwoll eine Sündflut auf, welche nicht bloß die
abgestorbene, kraft- und marklose heidnische Kultur, sondern auch die frischen
Saaten, die sprossenden Keime, die duftenden Blüten der christlichen zu
vernichten drohte. Verwüstend wie Wildwasser brausten die Völker aus den Wäldern
des Nordens und den Steppen des Ostens heran, überschwemmten den Süden und
Westen Europa's und setzten nach Afrika über, als ob sie begierig wären, allen
Spuren der alten römischen Bildung zerstörend nachzugehen. Jahrhunderte lang
standen sie wogend und wallend auf dem Schutt und den Trümmern; dann sanken sie
allmälig, die Wildwasser verliefen sich, und es zeigte sich, dass der Geist
Gottes über dem Chaos geschwebt und seine Schöpfung, das Christentum, behütet,
entwickelt, gefestigt hatte. Der menschliche Wille, möge er zum guten oder bösen
sich wenden, ist nicht der einzige Faktor in der Weltgeschichte. Der Geist
Gottes, der nie aufhört zu wehen, ist ein anderer - und konnte der die Barbaren
der Wildnis zu seinem Werk gebrauchen, so kann er auch die Barbaren der
Zivilisation zur Zerstörung des modernen Heidentums, das den christlichen Geist
zu ersticken sucht, verwenden. Im vierten und fünften Jahrhundert schlich,
gerade wie jetzt, ein geheimnisvolles Grauen durch alle Seelen, welche in dem
Schattenspiel des öffentlichen Lebens und in den brutalen Genüssen der
Sinnlichkeit keine Befriedigung fanden, sondern wie Du, von dem Atem des Todes,
den die Lüge aushaucht, sich angeweht fühlten. Sie wollten diesen Göttern und
diesen Kaisern so wenig dienen, als ihrem eigenen Ich; sie
