 auch der seine zu Ende. Bis
die italienische Oper in Paris eröffnet wurde, machte sie eine Kunstreise durch
Belgien und Norddeutschland, wo sie noch nie gewesen war. Orest wünschte
sehnlichst sie zu begleiten. Sie sagte trocken:
    »Ich glaube, Sie sind wahnwitzig, Graf Orestes. Was soll denn das bedeuten?«
    »Florentin und Lelio begleiten Sie doch!«
    »Florentin und Lelio sind in meinem Dienst, gehören zu meiner Umgebung. Ich
brauche den einen im Fach meiner Geschäfte, den anderen im Kunstfach. Jeder hat
seine Stellung und die ist abhängig von mir; also ist sie durchaus vor der Welt
gerechtfertigt. Aber wenn Sie, ein verheirateter Mann, aus einer bekannten
Familie, meine Kunstreisen mit mir machen wollten: das gäbe einen enormen
Skandal, und ich wüsste nicht, weshalb ich einen solchen hervorrufen sollte. Auf
Wiedersehen in Paris.«
    So trennten sie sich. Judit ging nach Brüssel, Orest nach Windeck. Dort war
auch Hyazinth. Einen schneidenderen Gegensatz, als diese beiden Brüder, gab es
vielleicht nie! so ganz Welt der eine, so ganz Gnade der andere; jener - durch
und durch im Irdischen wurzelnd, dieser - im Himmlischen. Orest durch
selbstsüchtige Zwecke und Hoffnungen in die gefallene Menschennatur gebannt;
Hyazinth durch gänzliche Hingebung an seinen Beruf, getragen von der göttlichen
Kraft, welche die gefallene Natur besiegt. Orest so seelenmatt, dass er ohne
Schwertstreich der Gegenwehr von Leidenschaften sein Herz zerfleischen ließ, und
so unfähig zu jeder höheren Auffassung des Lebens, dass ihm die reiche
Blütenfülle seines Daseins nicht genügte, weil sie den Gelüsten nicht entsprach,
deren Befriedigung sein Ziel war; und Hyazinth, ein ringfertiger Kämpfer gegen
die leiseste Versuchung und dabei so unerschütterlich ruhend in den Verheißungen
des Glaubens, dass ihm alle Mühen und alle Dornen seiner anstrengenden,
schmerzen-, sorgen- und arbeitsreichen Laufbahn in Paradiesesblumen umgewandelt
wurden. Orest ein leibhafter Vertreter des Materialismus der Zeit; Hyazinth ein
lebendiger Protest gegen ihn. Der Gegensatz war so auffallend, so schlagend, so
ausgeprägt in der Gesinnung und in den Worten der beiden Brüder, so ausgeprägt
in ihrer äußeren Erscheinung, in Ton und Blick, in Haltung und Gebärden, dass
Korona, wenn sie die Brüder beisammen sah, immer ganz heimlich eine gewisse
schmerzliche Beschämung für Orest empfand, und sich wunderte, wie er, der sein
Lebenlang in der eleganten Welt, der großen Welt, der künstlerischen Welt sich
bewege, so roh und alltäglich aussehen könne neben Hyazinth, der als ein armer
Kaplan zwischen Bauern verkehre. Aber das ist's: der Mensch ist nicht bloß der
Sohn des Staubes, er ist auch der Mitbürger der Heiligen; und dies Bewusstsein
himmlischer Heimatberechtigung, das unabhängig von jedem Stand
