 eine geistige Atmosphäre muss um einen Punkt sich gebildet
haben, den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat, als um zu beten! seit mehr
als tausend Jahren - nur um zu beten, nur um die Tiefen des Herzens vor Gott
auszuschütten. Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf
die andere, zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein, lässt sich
nicht stören durch den Wechsel, den ein Jahrtausend in alle Verhältnisse der
Menschheit bringt; wird unterbrochen durch diese und jene Ungunst der Zeiten,
und hebt jenseits derselben gerade so wieder an, wie er notgedrungen diesseits
aufgehört hatte! Seitdem der heilige Rupert im siebenten Jahrhunderte das
Christentum in Bayern gründete und das Mutter Gottesbild nach Altötting brachte,
sind Reiche und Völker auf- und untergegangen, sind Throne und Kronen gesunken
und aufgerichtet; aber die andächtige Wallfahrt zu der Stätte, wo die Mutter
Gottes so gnädig ist, geht jetzt gerade so wie damals fort - ein Strom
lebendiger Einheit in Glauben und Liebe, der aus Millionen von Herzen bricht und
in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt, ewig wiederholend die
Wallfahrt der Könige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von
Bethlehem.
    Kunigunde hielt mit großer Sammlung und Ruhe ihre neuntägige Andacht und
erbaute sich ungemein an den feierlichen Prozessionen, die am Tage Mariä Geburt
sich einfanden und so viel Menschen brachten, dass der ganze Platz belebt war und
jeder nur nach und nach in die Kapelle dringen konnte. Auch an den übrigen Tagen
fehlte es nicht an einzelnen Wallfahrern aus den verschiedensten Ständen. Das
Landvolk war am zahlreichsten vertreten; sehr natürlich, weil es überhaupt die
größte Zahl in der Bevölkerung ausmacht. Levin brachte das heilige Messopfer in
der Gnadenkapelle dar, und seine Seele wallfahrtete in den Himmel und pries
Gott, der durch das Christentum Glauben und Liebe so tief in das Menschenherz
versenkt hat, dass sie gleichsam als organische Lebensäusserungen daraus
emporwachsen und in dieser zugleich so kindlichen und so großartigen Form ein
wunderbares Zeugnis der Jahrhunderte für die Glaubenseinheit in der Kirche
ablegen. Am Vorabend der Abreise sagte er zu Kunigunde:
    »Jetzt muss ich Ihnen eine Merkwürdigkeit zeigen, die freilich nicht
unmittelbar zur Wallfahrt nach Altötting gehört, aber doch sehr lehrreich ist.«
    Er führte sie nach der Pfarrkirche in eine Kapelle des Kreuzganges. Auf
einer kleinen Treppe stiegen sie zur Gruft unter der Kapelle herab und standen
vor einem Sarge, auf den Levin deutete und sagte:
    »Hier ruht ein ausgezeichneter Mann, ein großer Feldherr, ein tüchtiger
Diener seines Herrn, ein wahrhaft frommer Sohn der Kirche, ein tadellos reiner
Mensch, ein so inbrünstiger Verehrer der Mutter Gottes, dass er sein Herz in
silberner Kapsel in der Gnadenkapelle beisetzen ließ; ein so demütiger Christ,
dass er nach
