 und heiligste Richtschnur ist. Es ist die, in
welcher der Mensch, erlöst von der Wucht seines Ichs und von dessen
unerträglicher Sklaverei, in den freiwilligen Dienst der göttlichen Liebe tritt
und dadurch ein Werkzeug Gottes wird.«
    »Und für ein solches halten Sie Ihre Unbekannte?«
    »Allerdings, Signora. In der Gnadenwelt sind höhere Kräfte tätig, als in der
natürlichen Welt, darum üben sie auch einen höheren Einfluss. Lebt und webt eine
Seele in der Gnade, so gehen auch Gnadenwirkungen von ihr aus. Die höchste ist:
eine Seele zu retten. Die Unbekannte hat den Grund zur Rettung meiner Seele
gelegt; aber so recht wie ein unscheinbares Werkzeug Gottes: sie wusste es nicht,
sie wollte es nicht. Sie übte nur einen kleinen Akt von Demut und Liebe - so
klein, dass die Weisheit der Welt ihn nur beachtet, um ihn zu verachten; aber er
war gottgefällig und darum folgte göttlicher Segen ihm nach. Ahnungslos hat sie
meinem verhärteten Herzen den ersten Ruck zu seiner Bekehrung gegeben. Gottes
Barmherzigkeit tat das Weitere. Jetzt muss ich das Meine tun.«
    »Was wird das sein!« rief Judit erwartungsvoll.
    »Nicht wahr, den Montblanc in den Leman stürzen - oder eine neue Sonne
entdecken - oder einen neuen Weltteil erobern - darauf sind Sie gefasst? Nein,
teure Judit! ich gehe schlecht und recht zu meinen Eltern zurück, bitte sie um
Verzeihung, dass ich so viele lange Jahre so bitter sie betrübt habe, und suche
fortan ein guter Sohn zu sein, mit der festen Überzeugung, dass die wahre
Befreiung Italiens sehr gefördert wird, wenn ein Italianissimo daran geht, sich
vom Unglauben und von der eng damit zusammenhängenden hochmütigen Selbstsucht zu
befreien.«
    »Wie, Lelio! Sie verlassen mich?« fragte Judit traurig.
    »Stabat mater, teure Judit! Auch meine Mutter steht unter ihrem Kreuz und
weint! - ach! um ihren verlorenen Sohn. Was wären Entschlüsse, wenn wir sie nur
fassten, um unserem aufgeregten Gefühl eine momentane Befriedigung zu geben, und
wenn sie mit unserer Erregung verschwinden würden! Nein! heute noch reise ich
nach Rom ab.«
    »Unmöglich! Sie wissen, wie unentbehrlich Sie mir sind!«
    »Ich weiß, dass Sie einen Musiker brauchen, ja! - doch hier nicht, denn hier
ruhen Sie aus von Musik. Singen Sie dem Fürsten X., dem Marquis Y., dem Lord Z.
die Skala vor, so brauchen Sie niemand zum Akkompagnement und die Herren sind
ebenso entzückt, als hätten Sie die Kasta dia gesungen. Überdas kommen Sie ja
auch bald und für den Winter nach Rom. Da hoffe ich Ihnen einen brauchbaren
Musiker aufgefunden zu haben
