, die Fra Angeliko gemalt hat!« rief Judit. »Nur schade, dass diese
Arabeske die historische Wahrheit überwuchert!«
    »Ich erfinde nichts! ich berichte nur die Tradition,« erwiderte Lelio; »aber
die Tradition bildet ein großes und wahrhaftes Stück Weltistorie, denn sie fasst
immer den Zusammenhang der natürlichen Weltordnung mit der übernatürlichen auf,
ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und
sie zu einem öden Schattenspiel herabsinkt. - Bischof Konrad teilte dem Abt
Eberhard am anderen Morgen die nächtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich,
die Einweihung der Kirche vorzunehmen. Aber man hielt ihn für einen frommen
Visionär und bestand auf die Einweihung. Nachdem er lange umsonst Widerstand
geleistet hatte, musste Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen, als
plötzlich eine Stimme, die alle hörten und die allen unbekannt war, ihm zurief:
Halt ein! sie ist geweiht. Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende; die
Zeitgenossen glaubten sie, die Tradition bewahrte sie, päpstliche Bullen
bestätigten sie - und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Stätte, auf der es
Gott gefiel, große Gnaden und ungewöhnliche Gebetserhörungen an die Verehrung
der allerseligsten Jungfrau Maria zu knüpfen. Kein Tag verging, der nicht Pilger
nach Einsiedeln geführt hätte. In ungeheuren Massen strömten sie herbei am
Jahrestage des wunderbaren Ereignisses, das die Benennung die Engelweihe
empfing. Ohne recht zu wissen wie, war ich am Vorabend dieses festlichen Tages,
der auf den 14 September fällt, zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln
gelangt - ich, ein feuriger Jünger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten
Jahrhunderts, deren Glaubensbekenntnis für jeden einzelnen lautet: Es ist kein
anderer Gott als Gott - und der bin Ich! Glänzender Fortschritt gegen das
Glaubensbekenntnis des Islams, welches auch sagt: Es ist kein anderer Gott, als
Gott; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt: Und Muhamed ist sein Prophet! also
noch eine andere Autorität festsetzt, als die des Selbsterrschers Ich Aber
Fortschritt muss sein, und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das
siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist, kann die Menschheit doch unmöglich
beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhänger Muhamed's stehen
bleiben. Darin sind wir ja längst übereingekommen, nicht wahr, Judit? Moyses,
Solon, Konfutse, Christus, Zoroaster, Muhamed - haben wir glücklich überwunden!
Wir laborieren für den Augenblick ein wenig an Fourier, Proudhon und Brigham
Young; aber das alles liegt doch schon in den letzten Zügen und nicht lange
währt's, so herrscht in der fortschreitenden menschlichen Gesellschaft die
absolute Subjektivität. Jeder sitzt auf dem Thron, den er sich selbst baut -
trägt eine Krone, die er sich selbst flicht - empfängt den Kultus, den er sich
selbst darbringt - lebt nach den Gelüsten seines Herzens,
