 versetzte der Franzose.
    »Welches Land schickt denn jetzt seinen kostbarsten Edelstein für die Krone
des Leman?« wendete sich der Fürst an Judit.
    »Mein Vater war ein Spanier,« antwortete sie, »und meine Kindheit verlebte
ich in Kadix.«
    »O herrlich!« rief Florentin. »Diese großen Genies, die sämtlich für das
höchste Gut der Menschheit, für die Freiheit, schrieben und wirkten, haben nicht
bloß ihren Schatten und ihren Namen an diesen Ufern zurückgelassen. Der Genius
der Freiheit, der jetzt über der Schweiz sein Banner schwingt, ist
hervorgegangen aus ihren Mühen, ihren Anstrengungen, ihren Studien, ihren
Nachtwachen. Wahrlich, sie verdienen die Pilgerfahrt zu den Stätten, die sie
unsterblich gemacht haben. Aber wenn der Erinnerung Rousseaus in Klarens
gehuldigt wird, und Voltaire's in Fernei, der Frau von Staël in Koppet, Gibbon's
in Lausanne und Lord Byron's auf dem ganzen See: so ist doch auch Vevay nicht zu
vergessen. Dort ist das Grab eines Mannes der Tat, eines politisch großen
Mannes.....« - -
    »Oh! No!« unterbrachen ihn die Engländer, Vater und Sohn, die ihr
Reisehandbuch auswendig wussten.
    »Wer war der Mann?« fragte Judit gespannt.
    »Es war Ludlow - einer jener Männer, die Karl von England auf's Schaffot
schickten.«
    »Wir sind Whigs,« sagte der alte Engländer, »aber wir lieben nicht das
Schaffot für die Könige.«
    »Ein sehr guter Geschmack, Mylord!« versicherte Madame Miranes. »Der Signor
Fiorino hat Sympatien, vor denen man schaudert.«
    »Ich meinesteils,« sagte Judit, »schaudere vor all diesen prunkhaften
Sympatien mit Leuten, die doch weiter nichts getan, als eine Masse Bücher in
die Welt geschleudert haben, welche von Millionen, ohne den mindesten Nachteil
für Leib und Geist - nicht gelesen - hingegen von Tausenden zu ihrem größten
Schaden gelesen werden. In die Bewunderung des Genies legt man eine lächerliche
Übertreibung.«
    »Aber was soll man bewundern, wenn nicht das Genie - diese göttliche Flamme
des menschlichen Geistes!« rief der Fürst verwundert.
    »Das ist es eben,« entgegnete Judit, »man weiß nicht, was man bewundern
soll, und deshalb verfällt man auf diesen Kultus, bei welchem unausbleiblich ein
paar Weihrauchkörner für den Adoranten selbst abfallen, indem sich jeder -
versteht sich in tiefster Stille des Herzkämmerleins - eine gewisse Ähnlichkeit
oder Beziehung, oder Verwandtschaft mit dem Genie zuspricht.«
    Der junge Franzose, der bei der Wasserfahrt gesagt hatte, die Schöpfung sei
das Werk Gottes, besann sich, ob er nicht einen Mann nennen solle, der
gleichfalls
