 dieses auch durch die Sinnenwelt an Gott zu
erinnern, nehmen die Werke der Allmacht zuweilen den Schmuck der Schönheit an.«
    »Ah, Sie sind gläubig!« sagte Judit. »Es überrascht mich immer von Neuem,
dass es für den Glauben eigentlich gar keine Rätsel gibt.«
    »Man muss sehr genügsam sein,« rief Florentin, »um sich mit den Auflösungen
zufrieden zu geben, die der Glaube gewährt.«
    »Ich sage nicht, dass er die Rätsel löse; das ist Sache der Intelligenz, die
sich bei diesem Bemühen tausendmal für inkompetent erklären muss, wenn sie
aufrichtig ist - und das ist sie selten. Ich sage aber: es gibt kaum Rätsel für
den Glauben. Er legt das, was für unsereins unverständlich und unbegreiflich
ist, gleichsam in einen Lichtstrahl, der von der Hand Gottes ausgeht und im
Wiederscheine dieses Lichtes sieht er klar.«
    »Dann stände ja der Glaube höher als die Intelligenz,« sagte der Fürst, »und
das kann doch nicht sein, denn er muss durch sie geprüft und gesichtet werden.«
    »Vielleicht um ihn in seinen Äußerungen und Tätigkeiten zu regeln,« sagte
Judit. »Mir scheint aber, als stehe wirklich die Fähigkeit des Menschengeistes
am höchsten, die das Rätsel der Welt auf eine übernatürliche Einheit
zurückführt.«
    »Ah! Oh! No!« hub der jüngste Engländer an; » die Fähigkeit ist die höchste,
welche Signora besitzen: der Zaubergesang.«
    »Sie denken wohl, der Villa Diodati gegenüber, an Lord Byrons Zauberlied: 
When the moon is on the wave,« sagte Judit und rezitierte zum höchsten
Entzücken der Engländer, worin der Russe und der Franzose pflichtschuldigst
einstimmten, das Gedicht. Es war inzwischen ganz finster geworden und aus den
tausend Wohnungen rings an den Ufern flammten Lichter auf, diese stummen Zeugen
und Zungen von Menschentreiben, Menschenunruhe, Menschenleid, Menschenglück.
    Judit ließ die Barke der Villa Diodati zuwenden. Sie hatte sich dort für
einige Wochen niedergelassen, um sich von der furchtbaren Anstrengung zu
erholen, in den großen Opernhäusern Europa's als Primadonna das Publikum zu
entzücken. Obschon sie auch in diesem idyllischen Aufenthalt nie allein war und
Tag für Tag Besuche empfing, so führte sie doch vergleichsweise ein sehr ruhiges
Leben, da sie von keiner Verpflichtung abhängig und Herrin ihrer Zeit und ihrer
Beschäftigungen war. Letztere bestanden darin, dass sie stundenlang auf dem See
fuhr, viel las, etwas sang und etwas auch mit ihren Hausgenossen - und mit den
Fremden, den Bekannten und den Verehrern, die sie umlagerten, sich unterhielt.
Ihre Hausgenossenschaft bestand aus ihrer Mutter, aus einem italienischen
Musiker Namens Lelio, den sie bei ihren musikalischen Studien zum
Akkompagnieren, zum
