 ich sollte meinen, dass ich noch so zwanzig, dreißig Jahre
leben und Kinder meiner Enkel sehen könnte.«
    »Ich habe mir eine kleine Apanage vorbehalten, die der Besitzer von Stamberg
mir alljährlich zahlen wird und die mir genügen soll.«
    »Du hast aber immer wie der Sohn eines reichen Mannes gelebt!«
    »Ja, bester Onkel, Dank Deiner Güte. Aber - so gewiegt zu werden im
Wohlleben, so aufzuwachsen in allem Behagen, so zu genießen die Vorzüge des
weltlichen Glücks - darin liegt ein Etwas, das die Entwickelung des inneren
Menschen hemmt, seine sinnlichen Bedürfnisse ins Unglaubliche steigert und seine
geistigen nicht befriedigt. Nie war die Welt in einem so rasenden Rennen nach
eben diesem Zustande begriffen: Glücksgüter erringen und genießen ist ihr Ideal.
Ein sehr brutales - man muss es gestehen! Darum ist sie denn auch selbst ungemein
brutal unter ihrem glatten, blanken Bildungsfirniss; oberflächlich der Verstand,
schwach der Charakter, trüb das moralische Bewusstsein, lahm der Sinn für
Höheres, Null - das Verlangen danach. Im kläglichsten Subjektivismus zerfällt
die große Einheit der Menschheit, wie ein toter Körper in widerliche Atome sich
zersetzt. Ich habe nicht wie ein Blinder und Tauber diese letzten
verhängnisvollen Jahre durchlebt. Ich hab' mich umgeschaut, ich habe
aufgehorcht; ich bin da gestanden, wo es genug zu sehen und zu hören gab. Eines
ist mir klar: in ihrem tiefsten Grunde ist die Welt ratlos. Sie hat die Wahrheit
nicht. Hinter all' der pomphaften Prahlerei mit Zivilisation und Aufklärung, mir
Wissensdurst und Freiheitsdrang, mit Völkerglück und Bildungsfortschritt liegt
eine ungeheuere Leere. Bildungsfortschritt? - und die Gefängnisse, die
Zuchtäuser, die Strafanstalten vergrößern sich mehr und mehr, und die
statistischen Tabellen weisen nach, dass diese Vergrößerung nicht Schritt hält
mit der wachsenden Zahl derer, für welche diese Anstalten bestimmt sind.
Völkerglück? und das Proletariat und das Elend des Fabrikwesens wächst in
monströser Progression. Freiheitsbedürfnis? und Niemand will das edle Joch der
Selbstbeherrschung tragen, und jeder spricht sich das Recht zu, Selbsterrscher
- über andere zu sein. Wissensdurst? - ja: freche Neugier und Forschungen auf
der Oberfläche der Dinge und Erscheinungen. Aufklärung? - ja: Bankrott an
gesundem Menschenverstand, an Sinn für Recht und Unrecht, an klarer Einsicht und
Beurteilung der Verhältnisse und entschiedene Sympatie für jede Art von
Marktschreierei und Charlatanismus. Zivilisation? - ja: Eisenbahnen, Telegraph,
Schreibfedern, Papiergeld, Zeitungen, stehende Heere, Büreaukratie,
Branntweinschenken, allgemeine Begier nach materiellen Freuden und Genüssen,
allgemeines Missvergnügen, weil sich Keiner auf dem Punkt befriedigt fühlt. So
sieht es aus in der Welt! Weil sie die Wahrheit nicht hat, wird sie wehrlos
sein, wenn der Umsturz kommt.
