 am Kreuze Zeit Deines Lebens zu
erdulden hättest. Willst Du Meisterin werden in der vollkommenen Liebe, so fange
damit an, Schülerin zu werden im vollkommenen Leiden - im unausgesetzten
mühseligen Kampf gegen die Welt in und außer Dir, gegen Deine sündhafte Natur,
gegen Hölle und Teufel. Diese alle werden wider Dich streiten, werden ganze
Heere von Versuchungen - immer andere, immer neue, immer überraschende - wider
Dich in die geistige Schlacht führen. Und Du wirst sie nicht bloß zu jeder
Stunde und unter allen Umständen schlag- und ringfertig bekämpfen müssen,
sondern auch die beklemmende Angst zu ertragen haben, nicht zu wissen, ob Du
deinen Kampf in gottgefälliger Weise führst - nicht zu wissen, ob Du, wie die
heilige Schrift es nennt, »des Hasses oder der Liebe würdig« bist. Sieh'! einen
Tropfen aus diesem Kelch mystischer Prüfung ist Dir jetzt zu Teil geworden - und
schon warst Du dem Verzagen nahe, und schon schmachtest Du nach Gottes Trost,
wie ihn die weichliche Natur versteht! O Kind, besinne Dich! das Leben nach den
evangelischen Räten ist ein beständiges und allseitiges Opferleben, das nur die
reinste Christusliebe antreten und durchführen kann. Wo bleibt aber die Liebe
zum gekreuzigten Christus, wenn Du Lohn für sie, in Trost ausgezahlt, erwartest?
Mit einer Hand bist Du an's Kreuz genagelt und begehrst schon sie abzulösen? O
reiche auch die andere hin und lass sie annageln, und hänge nackt und bloß und
schmerzzerrissen geduldig an den drei Nägeln; denn das und nichts anderes sind
die drei Gelübde - und vermagst Du jenes nicht, wenigstens dem Willen nach,
auszuhalten: so darfst Du diese nicht ablegen.«
    »Welch' eine Welt eröffnest Du mir, teurer Onkel,« sagte Regina sinnend und
trocknete ihre Tränen.
    »Die Welt des mystischen Leidens, des Leidens aus Liebe zu Gott,« entgegnete
er, »die sich früher oder später allen erschliesst, welche sich wahrhaft, aus
innerstem Herzen und aus ganzem Gemüt zu Gott bekehren. Es versteht sich, dass es
tausend Stufen in ihr gibt. Zu der niedrigsten sind wir alle berufen; zu der
höchsten sind es die größten und heiligsten Seelen, die in Wahrheit mit dem
Apostel ausrufen: mortuus sum, ut Deo vivam!«
    »Also die Lieblinge Gottes müssen am meisten leiden und ihr Trost wird erst
in der Ewigkeit beginnen?« fragte Regina.
    »Nichts anders, Kind! der Herr selbst preist selig in Ewigkeit die Armen,
die Leidtragenden, die Verfolgten, die Weinenden. Leiden um Jesu willen macht
den Menschen liebenswürdig vor Gott, denn der leidende Mensch ist Jesu ähnlich.
Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Schwaben ein ganz wundersamer Liebling
Gottes, der in
