 für den geübten Beurteiler
heraus. Als Desdemona trat Judit zum ersten Mal auf und so, dass der Impressario
sich eingestand, sie habe ganz Recht, ihre Forderungen hoch zu spannen, und
dieser Winter werde wohl der erste und letzte für Lissabon sein, da eine solche
Sängerin unstreitig bald einen europäischen Ruf genießen und auf den großen
Bühnen von Neapel, Mailand, Paris und London glänzen werde.
    Judit lebte nun das Leben, welches die gefeierten Heldinnen der Bühne zu
leben pflegen, bewundert, vergöttert, angestaunt, beneidet, von Kabalen und
Intriguen, von Huldigung und Anbetung umringt - das glänzendste und flüchtigste
inhaltlose Schein- und Schaumdasein, welches ein menschliches Wesen leben kann;
zugleich auch das gefährlichste, weil es alle bösen Neigungen des
Menschenherzens weckt und aufstachelt. Der Glanzpunkt einer solchen Existenz
besteht darin - zu gefallen! Es heißt zwar nicht so! es heißt: durch genialische
Darstellung bezaubern, durch künstlerische Vollendung entzücken. Aber darauf
kann man mit Hamlet erwidern: »Worte! Worte!« Die Tatsache ist: man muss gefallen
- und zwar den Augen und den Ohren der Menschen - und zwar in solcher Weise, dass
sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphäre der menschlichen Vernunft
entrückt werden. Die vier- bis fünftausend Personen, welche ein Opernsaal fasst,
müssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in
einen entusiastischen Rausch auffahren, die in allerhand Extravaganzen
übergehen: das ist der höchste Triumph, den man in dieser Existenz feiern kann.
Auch Judit errang ihn und musste ihn erringen wollen. Ohne ihn - hätte sie ja
ihre Laufbahn verfehlt. Sie musste es zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums
machen, durch einen Blick, einen Ton, eine Stellung die elektrische Kette des
Beifalls in Bewegung zu bringen. Sie musste die Falte ihres Gewandes, die Haltung
ihres Kopfes, den Aufschlag ihrer Augen, ihr Lächeln, ihren Gang, alles und
jedes, Großes und Kleines, auf den Effekt berechnen, den sie hervorzurufen
hatte, und musste es dahin zu bringen suchen, dass der Eindruck von Berechnung
hinter dem der einfachsten Natürlichkeit verschwinde, wozu allerdings ein großes
Talent gehört. Aber weil sie es hatte, so fand sie auch Vergnügen daran es zu
üben. Höchst lästig war ihr hingegen die Huldigung, die man ihr außerhalb der
Bühne darbrachte. Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst
in's Licht stellen. Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen
wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus: wie der Bildhauer seinen
Marmorblock, muss der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten, und da
Judit diesen Teil ihrer Kunst auch außerhalb der Bühne beibehielt, so musste sie
es sich gefallen lassen, auch außerhalb derselben Huldigungen entgegen zu
nehmen,
