 und unaussprechlich
zufrieden mit ihrer eigenen Entwickelung und Richtung war. Sie überließ es
Levin, für Hofmeister und Lehrer zu sorgen, denn sie erwartete von seiner
Gewissenhaftigkeit zweckmässige und gediegene Wahlen, und sie wünschte, dass ihre
Söhne eine vortreffliche Erziehung bekämen. Nur verschmähte sie eine religiöse
Grundlage derselben und alle Äußerungen und Einflüsse, die aus der Fülle des
Glaubens in das Leben und in andere Gemüter übergehen. Eine Mutter wirkt
erwärmender oder erkältender auf das Gemüt ihrer Kinder, als alle übrigen
Menschen zusammen genommen. Juliane hielt ihre Söhne in dem Kreise der
Selbstsucht und der Eigenliebe fest, worin sie sich selbst bewegte, und machte
dann häufig bittere Vorwürfe an Levin, dass der Hofmeister sie zu nichts anderem,
als zu kleinen Egoisten erziehe.
    »Ich mühe mich ab in Geschäften, Sorgen und Arbeiten; ich gebe ihnen das
Beispiel eines opferwilligen Lebens; ich kenne kaum eine andere Freude, als die
Erfüllung meiner Pflichten; ich strebe dahin, meinen Söhnen die beste Erziehung,
alle Bildungsmittel, jeden Unterricht zukommen zu lassen, und sehe doch gar
wenig guten Erfolg,« klagte sie missmutig ihren Freunden. Es war aber niemand
unter ihnen, der ihr geantwortet hätte: Ja, das alles tust du; aber hast du
dabei die Ehre Gottes und das ewige Heil deiner Söhne vor Augen? Erflehest du
dir von Gott das Licht der Gnade, um deine Söhne zu tüchtigen Männern zu
erziehen? Schöpfest du deine Opferwilligkeit aus dem Quell jedes wahren Opfers:
aus der Liebe zur göttlichen Liebe? Entnimmst du das Beispiel, das du deinen
Söhnen gibst, der Nachfolge deines Heilandes? - Beantwortest du all' diese
Fragen, getreu der Wahrheit, mit Nein! so höre auf, dich zu beklagen und zu
staunen: du streuest irdische Saat aus und sie trägt die irdische Ernte ein.
    Wie oft hatte Levin versucht, ihr ganz leise solche Andeutungen zu machen!
wie oft ihr vorgestellt, dass ein warmes, aufrichtiges, religiöses Leben der
Boden sei, auf welchem Früchte der Gnade gediehen! Juliane fasste das mit der
höchsten Oberflächlichkeit auf und pflegte zu antworten:
    »Ja, ich weiß schon, welch Gewicht Sie auf das Gebet legen, auf den
Gottesdienst, auf die gemeinschaftliche Andacht; ich sehe aber nicht, dass meine
Söhne dadurch besser werden! Ich meinesteils begnüge mich ganz einfach, Gott so
zu verehren, wie er es haben will: nämlich im Geist und in der Wahrheit.«
    Die Ablösung vom kindlichen gläubigen Geist des Christentums, die
Vereinzelung in nüchterner Verstandesöde nannte Juliane eine Anbetung im Geist
und in der Wahrheit, ohne zu beachten, dass bei diesem gänzlichen Mangel an Geist
und Wahrheit auch die Anbetung zu kurz kommen müsse. Zu jeder Andachtsübung, die
Levin mit ihren Söhnen
