 einstweilen in der Hingebung Deines Willens, die auf
den Geboten Gottes ruht; dann machst Du Dich vielleicht der Gnade würdig, jene
höhere Stufe betreten zu dürfen.« -
    Auch ihn hatte Julianens Tod sehr ergriffen. Sie war seine Zeitgenossin,
wenig älter als er; viele Jahre - und vielleicht die schmerzlichsten seines
Lebens, hatte er neben ihr auf Windeck verlebt und tief die Lähmung empfunden,
die von ihr ausging und auf der höheren Entwicklung ihres Mannes und ihrer Söhne
lastete. Aber immer hatte er es als seine Schuld, als ein Zeichen seiner
Unvollkommenheit betrachtet, dass das wundervolle Licht des katholischen
Glaubens, mit dem Juliane in so häufige Berührung kam, ihr dennoch verschleiert
blieb. Er wendete auf sich selbst an, was der heilige Karl Borromäus einst zu
seinen Provinzialbischöfen auf einer Synode sagte: »Möchte das göttliche Licht,
das in dem Herzen der Bischöfe leuchtet, nie verdunkelt werden von der
Finsternis ihrer sündigen Natur.« Das gilt für uns alle, dachte er bei sich
selbst; das göttliche Licht und die göttliche Liebe sind ja immer bereit, unser
Herz zu entzünden; doch jenes stirbt in der Finsternis - und diese in der Kälte
unserer sündigen Natur - und da Juliane sie nicht in mir, dem Priester,
aufstrahlen sieht, so müssen sie ihr freilich verborgen bleiben. Alles wurde ihm
ein willkommener Anlass, um sich zu verdemütigen. Nun war sie tot, die arme
Juliane! nun war sie eingetreten in die Welt, die von der ewigen Wahrheit
schleierlos durchleuchtet wird! War diese ihr aufgegangen als ein sengender
Blitzstrahl oder als eine überirdische Sonne? - -
    Niemand war im ersten Augenblick so betroffen und im zweiten so gefasst über
Julianens Testament, als der, den es am meisten anging: Orest. Er hatte sich von
Kindheit auf daran gewöhnt, sich als den künftigen Herrn auf Stamberg zu
betrachten; plötzlich war das vorbei! eine sehr unangenehme Überraschung
allerdings; doch nicht heftig genug, um ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen.
Mit der größten Gemütsruhe beschloss er auf der Stelle, seinen Etat, den er im
Hinblick auf die glänzende Erbschaft gemacht hatte, nicht im geringsten zu
beschränken und Uriel dafür sorgen zu lassen, dass er denselben durchführen
könne. Orest war ganz der Alte: der Ausdruck des genusssüchtigen Egoismus. Da
aber kein Mensch unverrückbar auf einer und derselben Stelle in seiner Richtung
stehen bleibt, sondern entweder mit starker Willensfreiheit aufwärts geht, oder
sich von den Windstössen der Neigungen, der Leidenschaften, der Triebe
beherrschen lässt und unter ihrem Einfluss mehr und mehr abwärts sinkt: so hatten
sich denn auch in Orest die Grundzüge seines Charakters und seiner Richtung
beträchtlich entfaltet und ihn nicht aufwärts geführt. Sein Losungswort hieß:
Lebensgenuss, der ununterbrochen angeregt und ebenfalls
