 unheilverkündend ausgesehen! Mit Tränen flehte sie ihren
Schwager an, diese entsetzliche Trauerfahne mit österreichischen Färbungen bei
den gegenwärtigen Verhältnissen einzuziehen; sie walle ganz zwecklos über den
Zinnen, denn willkommene Gäste dürfe man in den betrübten Zeitläuften doch nicht
erwarten, und der Heimsuchung durch unwillkommene wünsche man ja sehnlichst zu
entgehen. Aber stolz wies der Graf dies Gesuch ab mit dem Bescheid, sein alter
Brauch habe nichts zu lernen von revolutionärer Insolenz.
    Uriel und Orest waren beide in österreichische Kriegsdienste gegangen. Die
ganze Jugend war kampfesdurstig und bereit, an der allgemeinen Aufregung tätigen
Anteil zu nehmen: die einen im revolutionären Sinn, die anderen im
konservativen. Obgleich Österreich für den Augenblick vielleicht mehr gefährdet
war, als irgend ein anderer Staat, da innere und äußere Feinde zugleich ihn
anfielen: so stand dennoch das alte traditionelle Vertrauen zu seiner
Lebenskraft, die sich in den vielfachen Stürmen von mehr als einem halben
Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte, in allen denjenigen fest, welche nicht
gesonnen waren, mit der Revolution zu gehen und sich ohne Schwertstreich vor ihr
zu beugen. Als man sah, welche Wendung die Dinge in Deutschland nahmen, erklärte
Uriel gleich:
    »Ich gehe nach Österreich in den italienischen Krieg! Welche Wonne, gegen
einen äußeren Feind die Kräfte zu brauchen, die sich in der Untätigkeit
fieberhaft steigern, und die zu edel sind, um sie gegen deutsche Freischaren
anzuwenden.«
    Orest verließ sogleich seine Jagden und seine Berliner Oper- und
Balletfreuden, deren Zauber vor den Barrikaden schwand, und eilte nach Windeck,
um mit Uriel nach der Lombardei zu gehen. Er hatte an Florentin geschrieben und
ihn nach Windeck beschieden, um zu hören, was Florentin jetzt beginnen werde.
Allein von diesem kam weder eine Antwort noch er selbst. Orest ging nach
Würzburg, um ihn zu suchen und bei Hyazinth, der dort im geistlichen Seminar
studierte, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Aber er war fort und niemand
wusste, ob nach Wien, ob nach Frankfurt, ob nach Paris oder wohin sonst. Während
des ganzen Winters hatte Hyazinth ihn ein einzigesmal gesprochen und ihn
aufgeregter, bitterer denn je gefunden.
    »Also einen Revolutionär habe ich unter meinem Dache grossgezogen und mit
aller Liebe und Sorgfalt einen Basilisken ausgebrütet,« sagte der Graf, als
Orest mit diesen Nachrichten zurückkam.
    »Wir wollen Gott danken, dass es von vieren - nur einer ist,« sagte Levin.
    »Und kein Windecker!« setzte der Graf hinzu.
    Levin ruhte mehr denn je am Herzen Gottes. Sein Friede konnte durch den
Unfrieden in der Welt nicht getrübt werden. Seine lange Erfahrung zeigte ihm in
dem immer wiederkehrenden Ausbruch solcher Ungewitter die tiefe Störung im
geistigen Leben der Menschheit, die aus ihrem Gleichgewicht gekommen war, weil
