 innere Triebkraft und schöpferische
Befähigung habe, als dieser, um einen Fortschritt der Menschheit zur
Verbrüderung zu erzielen, und allenfalls nur zu dulden sei, weil seine tausend
Sekten ebenso viel Tore öffneten, durch die man dem Christentum entfliehen
könne.3 - Nein, dem Windecker Grafen gebührte kein Dank! Aber mit
unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Möglichkeit vor, dass er
in irgend einem, für die Windecker recht gefährlichen und recht demütigenden
Augenblick als ihr Beschützer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen könne,
welch' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage.
    So, ohne einen Funken von religiöser Denk- und Willensrichtung, die gänzlich
erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes, machte
sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse. In
erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und der
Geschichte der Völker brachte er den Mangel an jener Richtung gar nicht in
Anschlag. Er dachte: nur niedergerissen! nur tabula rasa gemacht! dann findet
sich der Aufbau von selbst! Aber nur die religiöse Denk- und Willensrichtung hat
Trieb- und Bildkraft, denn nur sie hat einen Lebensgrund in der Liebe zu Gott
und zum Nächsten, die verbindend wirkt und aus der sie schöpft. Diese
übernatürliche Liebe ist in der Menschheit, was im einzelnen Menschen seine
Seele: sie hält den ganzen Organismus zusammen. Ohne sie - tritt der Tod ein,
die Auflösung, und Totengebein wird zu Staub, wenn nicht, wie in jener Vision
des Propheten Ezechiel, der Geist Gottes es neu belebt. Florentin wähnte mit
sozialistischen Ideen das Nämliche leisten zu können. -
    Auf Windeck war freilich mit der Rückkehr der Familie auch etwas von der
schwülen Stimmung und Spannung der Zeit eingekehrt; aber sie hatte auch ihr
Gegengewicht. Der Graf hegte große Besorgnis vor der Gefährdung des Besitzes,
der infolge der Gefährdung des historischen Rechtes allerdings sehr bedroht war,
und mit unaussprechlicher Geringschätzung betrachtete er die Leute, die
plötzlich durch die Wogen der Revolution von unten nach oben gebracht, in ihrer
Weise zu herrschen und ihre Ordnung einzuführen suchten. Die Baronin Isabelle
stand Todesangst aus vor den Forderungen des Landvolkes und den
Zusammenrottungen allerhand Gesindels. Sie hätte sich selbst und ganz Windeck
unsichtbar machen mögen, um nur ja keine scheelen Blicke auf dies
Aristokratennest zu lenken. So wie der Graf aus Frankfurt zurückkam, ließ er,
wie immer, wenn er anwesend war, über dem Schloss seine Fahne aufziehen. Nicht
genug, dass dies stolze Banner äußerst aristokratisch da wehte und den
Schlossherrn verkündete, so waren die Windecker Wappenfarben auch noch zum
Unglück die Farben Oesterreichs: schwarz und gelb. Wenn es ein mildes Weiß und
Blau, oder ein freundliches Rot und Weiß gewesen wäre, das hätte doch nicht so
finster, so drohend, so
