 subjektive Ansichten und
selbstsüchtige Leidenschaften ist, und Zivilisation, was Versumpfung der Seelen
in die Materie ist.
    Dies alles, sophistisch dargestellt, mit halben Wahrheiten vermischt, mit
verwegener Berufung auf große Namen geharnischt, deren Träger sich freilich
gegen diesen Missbrauch ihres gewichtigen Zeugnisses empören würden, wenn sie
noch unter den Sterblichen wandelten; dies alles wird durch Trugschlüsse
einleuchtend gemacht, durch Schlagworte scheinbar zu unantastbarer Wahrheit
erhoben, und der Menschengeist, der gleich verdunkelt ist, so wie er aus dem
Licht des Glaubens heraustritt, geht auf die Täuschung ein, die ihm blendend und
schmeichelnd entgegenkommt. Es lebt kein Mensch auf Erden, der nicht irgendwo
Last und Druck, irgendwie Entbehrung und Mangel spürte und in dem sich nicht ein
Etwas regte, um sich davon zu befreien. Aber dies Etwas wird wachgerufen -
entweder durch die Lockung der alten Schlange, die ihm ihr altes Lied vorzischt:
Wie Götter werdet ihr sein, wenn ihr euch aufbäumt gegen Gott; oder durch den
Mund der ewigen Wahrheit, die unablässig zu ihm spricht: Nimm dein Kreuz auf
dich und folge mir nach. Je nachdem der Mensch so viel Selbsterkenntnis hat oder
nicht hat, um den Grund dieser Regungen in sich wahrzunehmen, und so viel
Selbstverleugnung, um seine Last als einen Splitter vom Kreuz zu betrachten oder
nicht - wird er den Weg der Empörung einschlagen, das Kreuz verwerfen und durch
den Umsturz des Gesetzes zur Barbarei und übertünchten Sklaverei gelangen - oder
den Weg der göttlichen Gebote wandeln und die Freiheit finden und geben, von
welcher der Apostel Paulus sagt: »Wo der Geist des Herrn, da ist Freiheit.« Der
Geist des Herrn aber ist Liebe zum Kreuz in solchem Masse, dass dadurch das Kreuz
zum Symbol der höchsten Liebe geworden ist.
    Freilich richtet sich die Revolution öffentlich nicht zuerst gegen das
Kreuz, welches eins und dasselbe mit Christentum ist; denn das würde vielen
Wohlmeinenden, deren Zustimmung, wenigstens der passiven, die Revolution in
ihrem Beginn sehr nötig hat, die Augen öffnen; sondern sie erhebt ihr
Feldgeschrei gegen Absolutismus und Obskurantismus für Menschenrechte, oder
Aufklärung, oder Volksvertretung, oder Pressfreiheit, oder Grundrechte, oder wie
immer die Parole heißt, die aus einem wahren oder eingebildeten Bedürfnis der
Zeit enspringt, dem die Wohlmeinenden gern beistimmen; die aber allmählig
gesteigert und übertrieben durch die Reibung der Massen, die Erhitzung der
Leidenschaften und die sündige Verblendung der Anführer zu etwas Ungeheuerlichem
aufschwillt, das kein Recht und Gesetz über oder auch nur neben sich dulden
will, so dass sich dann, etwas zu spät, die Wohlmeinenden ernüchtert und verstört
die Augen reiben und sagen: Das haben wir nicht gedacht und dahin nicht gewollt!
Lange bevor die Revolution öffentlich, gleichviel mit welchem Schlachtruf und
gegen welche Institutionen auflebt
