
an, wenn er es im irdischen Glück nicht sehr weit bringt, und hüte sich ganz
besonders, auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen, wie der rücksichtslose
Egoismus es zu treiben pflegt.«
    »Sie geben mir sehr gute Lebensregeln, Herr Ernest und ich könnte, abgesehen
von der Malerkunst, vieles von Ihnen lernen; aber ....« -
    »Aber Sie werden nichts lernen, Fräulein Judit, gar nichts, auch nicht
malen, so lange Sie immer aber sagen. Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas,
nimmt willig an und auf; drum macht der Glaube - der Kindersinn in höchster
Sphäre des Lernens - so ungemein, so überraschend klug. Darum verknöchert nichts
so sehr das Auffassungsvermögen, als der Geist des Widerspruchs, die Negation.
Es ist die Krankheit der Zeit, mit einem aber alles in Frage zu stellen. Darum
begreift und versteht sie denn auch nichts - als Rechenexempel.«
    »Aber,« fuhr Judit fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an,
»ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe, und deshalb kann ich nicht einsehen,
urteilen und handeln wie Sie. Alles, was Sie sagen, kommt mir sehr schön, sehr
edel, auch sehr anziehend vor; gerade wie die Sibylla persica. Doch wie diese
nur ein Bild, nur eine bemalte Leinwand ist, die mich in ich weiß nichtwas für
angenehme Träumereien versetzt, aber nicht mein Leben lenkt und regiert; so geht
es mir auch mit Ihren Worten.«
    Ein feuchter Schimmer, wie von einer zerdrückten Träne, glitt über Ernest's
Auge, als er entgegnete:
    »Ich bin ein Schwachkopf, der das immer wieder vergisst! also verzeihen Sie
mir, Fräulein Judit. Ach, wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung
wahrnimmt, wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und
beseelt: so will einem gar nicht einleuchten, dass bei so vielen, vielen Menschen
der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk, während
doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müsste, um einen Trunk zu tun
aus jenen Wassern, welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit
ummauert sind.«
    »Die Quellen der Tiefe, hab' ich mir sagen lassen, entdeckte die
Wünschelrute,« erwiderte Judit. »Können Sie mir eine solche verschaffen für
Ihre unter- und überirdischen Bronnen?«
    »Sehr leicht! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz, so brechen
vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des
liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen, die
jeden Durst stillt, und von jedem Fleck reinigt, und jeden Blick klar wäscht,
und jedes Schifflein an die
