 und zu der Gott durch den erhabenen Propheten Ihres Volkes spricht:
Ich Selbst will dein übergrosser Lohn sein!«
    »Sie werden doch zugeben, Herr Ernest, dass daraus ein beständiger Zwiespalt,
ein quälender Kampf entspringt. Der Durst nach dem Ewigen und die Neigung zum
Vergänglichen in ein und dasselbe Herz gepflanzt und beide mit berechtigten
Ansprüchen, wie Sie selbst sagen, das muss den Menschen in ein Meer von
Schmerzen, von Irrtum, von Täuschungen, ja von Verzweiflung stürzen. Denn er
wird etwas ergreifen und als ungenügend fallen lassen; und anderes ergreifen,
aber als unvollkommen wegwerfen; und abermals anderes ergreifen, und es wird ihm
entschwinden wie Rauch und Schatten. Das kann kein Mensch aushalten! dabei geht
er zu Grunde.«
    »Ganz richtig, Fräulein Judit, sobald dieser Mensch außerhalb des
Christentums steht; und da stehen leider! gar manche, denen das heilige
Sakrament der Taufe nicht gefehlt hat und die nun kläglich zu Grunde gehen im
Strudel ihrer Leidenschaften, im Taumel ihrer Selbstsucht. Aber die christliche
Offenbarung belehrt den Menschen über den Ursprung dieses tiefen Zwiespaltes,
den jeder in seiner eigenen Brust empfindet und beweint: es ist der Sündenfall,
die Abkehr von Gott, die geheimnisvolle Lust zum Bösen in der gefallenen
menschlichen Natur. Lehrte die Offenbarung nur das, so dürfte man erst recht
desperat werden! Allein sie lehrt auch Mittel und Wege, um jenen Zwiespalt nicht
sowohl zu tilgen, als vielmehr heilsam für uns zu machen. Mittel ist - das Blut
Jesu, das für uns und über uns und in uns mit Gnadenströmen rinnt, und uns Licht
gegen alle Verfinsterung, Waffen gegen alle Versuchungen bringt. Der Weg ist für
jeden sein eigener Kampf. Jeder muss lernen, durch Selbstverläugnung die
Eigenliebe, durch Selbstbeherrschung den unbändigen Willen, ich sage nicht: zu
besiegen; denn so weit bringt es unsereins nicht! aber doch besiegen zu wollen.
Wer diesen Kampf redlich beginnt, Fräulein Judit, der findet den Zwiespalt
nicht so trostlos, als er Ihnen erscheint. Im Gegenteil! er hat eine Art von
heiliger Freude daran, wie der brave Soldat sich freut, in der Schlacht für
seinen König sein Blut zu vergießen, wenn nur die gute Sache siege. Es ist
herrlich, einen Menschen zu beobachten, der wider sich selbst für Gott kämpft.
Das sind keine welterschütternde Schlachten, das Auge der Mit- und Nachwelt ruht
nicht auf ihnen, kaum ahnt sie der eine oder der andere; aber die ganze
triumphierende Kirche schaut verklärten Angesichts diesen stillen Helden zu, die
doch weiter nichts sind, als ein unbedeutender Mann, ein schwaches Weib, ein
armer Jüngling, eine ringende Seele in irgend einer Hütte oder irgend einem
Palast, wo sie sich wehren bis zu
