 also für ihn hoffen und für ihn beten, damit
sich die Hoffnung erfülle; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas, das
im verkleinerten Maßstab der Liebe nicht unähnlich ist, welche Gott für uns arme
Sünder hat. Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel, das
göttliche Ebenbild in mir herzustellen.«
    »Ich hasse sie, besonders wenn sie mich kränken,« sagte Judit.
    »Das begreift sich,« sagte Ernest kalt.
    »Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an? das
kann ich ganz und gar nicht begreifen,« sagte Judit sinnend.
    »Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube,«
erwiderte Ernest; »Sie aber nicht.«
    »Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich?«
fragte sie schneidend.
    »Fräulein Judit!« entgegnete Ernest liebreich, »wofür ich mich selbst
halte, das sag' ich unter vier Augen dem lieben Gott, der zu dem Zweck der
Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche
angeordnet hat, welche das Sakrament der Busse heißt; aber ob ich berechtigt bin,
meinen Glauben für edler und besser zu halten, als Ihren Glauben - oder
Unglauben: das werden Sie sich allein beantworten können.«
    Judit konnte es gar nicht lassen, ernste Gespräche mit Ernest anzuknüpfen,
denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter, die es ihr
unmöglich machte, auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden; diese
Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit, welche sie
umgab. Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen, sich zuweilen so scharf und
herb gegen Ernest auszusprechen, als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle;
denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele. Die tiefe Kluft,
die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt, trennt sie,
und Judit, die mit Stolz auf ihrer selbstbewussten Kraft ruhte, fühlte
instinktmässig, dass ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete, was
sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte. Sie ertappte
ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung, wenn sie ihm herbe
widersprach, und das musste sie denn wieder sehr bewundern. Denn, sprach sie oft
heimlich zu sich selbst, ich bin auch entschieden, aber hart und schneidend, und
er ist mild bei der größten Entschiedenheit. - -
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    Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum
erstenmal in der großen Welt erscheinen. Sie hatte sich mit dem Gedanken
vertraut gemacht, dass es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei, in der
Gesellschaft zu leben und sie
