, wie sich das ja von
selbst verstehe für eine Richtung, die kein anderes Ziel noch Streben habe, als
wahre Humanität. Der Graf erwiderte:
    »Schon recht! Aber die Mittel, durch welche Du Deine wahre Humanität zu
verbreiten suchst, scheinen mir nicht eben gemässigt, sondern etwas inhuman zu
sein. Revolutionäre Querköpfe machen nirgends Glück, als in Revolutionen, und
die können wir nicht brauchen.«
    Regina gab an Florentin ein ganz kleines Büchlein in violettem Ledereinband
und sagte:
    »Lieber Florentin, wenn Sie einmal mit all' Ihren Weltverbesserungsprojekten
gründlichen Schiffbruch gemacht haben: dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen,
wohin und wie Sie sich retten können.«
    »Sie nehmen also meinen Schiffbruch für eine ausgemachte Sache an?« fragte
er beleidigt.
    »Ich hoffe darauf,« entgegnete sie liebreich. »Ich hoffe, dass das lecke
Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompass, mit dem Sie sich in's Lebensmeer
hinauswagen wollen, sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen möge.
Dann werden Sie sich flüchten in die rettende Arche, und besseres kann ich Ihnen
nicht wünschen.«
    »Ah, die Nachfolge Christi!« sagte Florentin, das Büchlein aufschlagend;
»ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus, Regina.«
    »Nehmen Sie es nur, Florentin,« entgegnete sie mild; »es war das
Lieblingsbuch der lieben Mutter.«
    Da führte er es hastig an seine Lippen und drückte einen Kuss darauf. Dann
reiste er ab. So lange er auf Windeck gewesen war, hatte er nicht ein einziges
Mal seine Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht. Er vergaß nie die schlechte
Behandlung, die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte; und vergaß
gänzlich, dass gerade dies ein Hauptgrund war, der ihn zum Pflegesohn der Gräfin
Kunigunde machte.
    Orest wollte nun auch fort. »Aber,« sagte er, »Soldat im Kriege, oder Soldat
in der Garnison zu sein, ist ein famoser Unterschied. Der Krieg versüsst alles,
auch die Subordination, die strenge Disziplin, das stramme Kommandieren und
Exerzieren, was in unseren philiströsen Zeiten äußerst lästig sein mag. Schade,
dass der Sonderbundkrieg zu Ende ist. Ich hätte ihn als Volontär mit machen und
zum General Salis gehen sollen! Es war hier aber ein recht lustiges Leben, und
darüber hab' ich's versäumt.«
    »Lässt Du Dich denn von gar nichts anderem bestimmen, als von einem lustigen
Leben!« rief Uriel ungeduldig.
    »Weshalb sollte ich das?« fragte Orest so unbefangen, als habe er nie von
einer anderen Richtschnur gehört.
    »Ich bitte doch recht sehr,« sagte der Graf, »dass Du einen bestimmten Beruf
wählst und ergreifst, damit
