 Ichsucht schmeichelten, der Genussgier keine Schranken setzten, das
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen maßlos steigerten, und dem Menschengeist
die volle Omnipotenz zusprachen, welche sie dem Schöpfer und Regierer des Alls
absprachen, so dass jedes Individuum sich selbst, als seinen Gott, anbeten
durfte. Weil dies Zugeständnis aber für manche, in denen auch edle Instinkte
sich regten, abstoßend gewesen wäre, so wurde die Vergötterung des Ich's
verschleiert durch die Vergötterung der Ideen. Die Freiheit, der Fortschritt,
die Gleichberechtigung aller Menschen, wozu natürlich auch die Emanzipation der
Frauen gehörte, waren die Stichworte, bei denen man in Begeisterung verfiel,
waren die Ideen, welche das Individuum, oder die Kotterie, oder die Partei,
nicht im Zusammenhang mit der ewigen Wahrheit, sondern subjektiv erfasst und
gedeutet, vergötterte. Diese Ideen sollten in der Seele und in dem Leben und
Streben des Menschen denjenigen Platz einnehmen, den bei dem Gläubigen Gott
einnimmt; man sollte sich selbst und andere nach ihnen bilden und für sie
hinopfern. So spann man sich in die Selbsttäuschung ein, außerordentlich
unegoistisch zu sein, während man in der Tat das liebe Ich im Maskenkleid der
subjektiven Idee anbetete, wohlweislich die Vorsicht gebrauchend, die subjektive
Auffassung immer als die einzig richtige und allgemein anerkannte darzustellen.
Dass in Folge einer solchen Verfälschung der inneren Entwickelung des Geistes,
seines Strebens und seines Zieles, Unwahrheit, Verwirrung und Unruhe in ihm
herrschen, kann nicht befremden. Gott hat den Menschengeist geschaffen für die
Offenbarung und hat die Offenbarung gegeben für den Menschengeist. Es besteht
zwischen beiden eine übernatürliche, geheimnisvolle und doch ganz wahrhafte
Verbindung, wie sie in der Natur zwischen dem Sonnenstrahl und der Blume
besteht, die, vom Licht entfernt, farblos bleibt. Ausserhalb seines
Sonnenstrahls, der aus der Offenbarung auf ihn fällt und den Glauben in ihm
weckt, bleibt der Menschengeist verkrüppelt. Er fühlt es, aber er will es nicht
eingestehen; er sucht vielmehr nach anderen Sonnen, nach anderem Licht, und irrt
dabei immer weiter und weiter von dem Quell alles Lichtes ab und versinkt immer
tiefer und tiefer in jammervolle Finsternis und in unstillbaren Unfrieden. Ein
Zeichen dieses inneren Unfriedens ist es, dass der Glaubenslose den Gläubigen
nicht neben sich, nicht einmal auf der Welt dulden will. Er hat das gemein mit
dem Laster, welches auch gern die Tugend vertilgen möchte, die ihm ein Dorn im
Auge ist. Daher der Grimm des Unglaubens gegen das positive Christentum, das
sich am Bestimmtesten in der katholischen Kirche ausdrückt; daher sein Hass gegen
ihre Institutionen; daher die Verachtung, mit welcher er sie in ruhigen Zeiten
zu ignorieren - daher die Wut, womit er sie in gährenden und aufgeregten zu
vernichten sucht. Das alles wogte durch Florentins Seele. Er
