 »Tausendfache Erfahrung hat bewiesen, dass die schwersten Verbrechen
von Menschen begangen wurden, die in krasser Unwissenheit und ohne Erziehung
aufwuchsen.«
    »Das ist etwas ganz anderes,« erwiderte Hyazinth. »Wir hatten bei Deinen
Bildungsplänen die ganze Menschheit, nicht einzelne Verbrecher im Auge, deren
Missetaten allerdings oft aus trauriger Unwissenheit hervorgehen, indem sie
nichts wissen von den göttlichen Lehren des Christentums und daher keiner
Entwickelung sittlicher Kraft gegen ihre bösen Begierden fähig sind. Das Leben
im Glauben aber und nicht das Wissen vom Glauben, gibt jene Kraft und sie äußert
sich durch Gehorsam gegen die Glaubenslehre. Bildest Du Deine Menschheit
außerhalb jenes Lebens, so wird sie mit all' ihrem Wissen vom Glauben und von
sonstigen hohen und tiefen Dingen an sittlicher Kraft, d.h. an Widerstandskraft
gegen die böse Begier, so arm sein, dass sie sich blind von ihren Leidenschaften
beherrschen lässt und durch dieselben in Eueren Zuchtausstaat hineintaumelt, für
den sie reif ist, weil sie verschmäht, folgsam in der Freiheit des Christentums
zu leben.«
    »Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei,« sagte auf
einmal mit ihrer sanften Stimme Regina, die in der Tiefe einer Fensternische mit
ihrem Stickrahmen wie in einer kleinen Zelle saß.
    »Was sagst Du da, Regina?« rief Uriel, sprang auf und setzte sich ihr
gegenüber; »es klingt alles, was Du sagst, wie Musik, aber dies ganz besonders.«
    »Es wird wohl die Ansicht irgend eines Heiligen oder eines mittelalterlichen
Skribenten sein,« bemerkte Florentin wegwerfend.
    »Ratet!« rief Regina lachend.
    »Klingt es nicht so gewiss Schillerisch?« fragte Orest.
    »Nein, nein, nein!« rief Florentin, »das ist von Unsereinem nicht zu
erraten! in die Poesien der Heiligen vertiefen wir uns nicht.«
    »Auch nicht in die des heiligen Göte?« fragte Regina schalkhaft.
    »Göte?« riefen alle aus einem Munde.
    »Ja, Göte, meine Herren! Göte in der Iphigenia, Akt. V Szene 3. Schlagt
nach, wenn's Euch beliebt. Ja, Göte, der sein Ideal einer reinen Seele in der
Iphigenia aufstellt, die doch gewiss nicht vom Christentum befleckt ist, nicht
wahr, Florentin? Göte lässt sie jene Worte aussprechen: Und folgsam fühlt' ich
immer meine Seele am schönsten frei. Das gefiel mir so gut, weil es so wahr ist,
dass ich es behalten habe.«
    Uriel, der ein leidenschaftlicher Bewunderer Göte's war, fragte doch etwas
erstaunt:
    »Regina, liest Du Göte?«
    »Onkel Levin hat mir Iphigenia und Tasso gegeben, um mir eine Idee
beizubringen von der vollendeten Schönheit
