 Ansichten
beruhender altmodischer Gesetze zu bringen; allein sie erwarb sich doch
unsterblichen Ruhm und den Dank künftiger Jahrhunderte dadurch, dass sie zeigte,
wie verhasst die Lehre vom Kreuz der Menschheit sei, und dass sie jenen Protest
gegen heilige Rechte, von dem Du vorhin sprachst, aufhob, indem sie keine
Priester, keine Ordensleute mehr duldete. Denn kein Mensch will seiner Natur
gehorchen, keiner arm sein, keiner den irdischen Freuden entsagen, und was der
vernünftige Mensch nicht will, das soll er auch nicht.«
    »Wenn er nun aber dennoch will,« entgegnete Hyazinth gelassen.
    »So darf er nicht!« rief Florentin.
    »Das wollte ich eben hören!« sagte Hyazinth ruhig. »Euerer
Beglückungsteorie hat man zu gehorchen: dann ist man glücklich, und Euerer
Despotie in Durchführung Euerer Ideen sich zu fügen: dann ist man frei. Die
Sprache kennt man, mein Florentin. Deine hochgepriesenen Reformatoren in
Deutschland und England führten sie auf dem Gebiete des Glaubens und sagten:
Glaubt an uns; das ist der wahre Glaube. Deren Nachfolger, die Revolutionsmänner
in England zuerst und dann in Frankreich, sagten auf dem politischen Gebiet:
Nehmet unsere Ideen an; das ist Freiheit. Und wehe denen, welche es wagten, der
neuen Glaubenslehre und den neuen Freiheitsansichten nicht beizustimmen! ihr
Ungehorsam wurde mit Verbannung, gewaltsamer Unterdrückung, Martertum und Tod
von denjenigen gestraft, welche den Ungehorsam gegen die Anstalt Gottes, die
heilige Kirche, hohe Tugend nannten. Das haben wir gelernt in den drei
Jahrhunderten, auf welche Du pochst, und welche in unserem Jahrhunderte nach der
Vervollständigung trachten, die eine Revolution in den sozialen Verhältnissen,
den kirchlichen und politischen Revolutionen geben würde. Wehe denen, die Euerem
Joch verfallen! Ihr macht aus Eueren Ideen ein Bett des Procrustes, in welches
Ihr die Menschheit hineinzwängen wollt und sie zu diesem Zweck verrenkt und
verstümmelt, und dann nennt Ihr diese kläglichen und unvollständigen Gebilde
Ideale von Schönheit und Würde, weil sie in Eure Schablonen passen. Aber eben
deshalb fehlt ihnen in Wirklichkeit beides, denn Ihr gönnt ihnen keine
Selbständigkeit, um zu lieben, und keine Freiheit, um zu gehorchen, da doch die
ganze Schönheit der Menschenseele in ihrer Liebe, und ihre ganze Würde im
Gehorsam liegt.«
    »Was die Liebe betrifft,« entgegnete Florentin, »so geben die Prinzipien des
Sozialismus ihr einen ganz ungeheuren Spielraum.«
    »Keineswegs! sie verflachen und verflüchtigen die Liebe in die Weite und
Breite und berauben sie ihres ewigen Quelles und ewigen Gegenstandes - Gottes.
Ohne Kalvarienberg gibt es keine wahre Liebe.«
    »Und was den Gehorsam betrifft, so ist der nach den Prinzipien des
Sozialismus für das Individuum durchaus überflüssig, indem der Staat,
