 abgelegt werden, und das tun die, welche
mit Gottes Gnade und um Gottes Willen ihr entsagen: Priester und Ordensleute.«
    »Hyazinth!« rief Florentin feurig und schlang den Arm um seine Schultern,
»lege ab Deine Gottesideen, mache die Menschheit zu Deiner Gottheit und ihre
Berechtigung zu allgemeiner und allseitiger Beglückung zu Deinem Kultus, so
kannst Du ein ausgezeichneter Mann der Zukunft werden.«
    »Nein, armer Florentin,« entgegnete Hyazinth zärtlich, »das ist unmöglich!
Wer Christus erkannt hat, dient in Seinem Namen mit tausend Freuden und so weit
die Kräfte reichen in aller Demut einer Menschheit, die der Gottessohn geheiligt
hat, indem er sich zu ihresgleichen machte und für sie lebte und starb; das
gehört zur praktischen Nachfolge Jesu. Aber aus der Menschheit einen Moloch zu
machen, der, ich weiß nicht was für unsinnige, sakrilegische Opfer verlangt, das
ist unverträglich mit der ewigen Wahrheit. Christus hat die Selbstverleugnung
als den Weg des Heiles gelehrt, als das einzige Mittel zur Beglückung der
Menschheit für Zeit und Ewigkeit. Von einer Beglückungsteorie, welche allen zum
allseitigen Genuss irdischen Wohlbehagens behilflich wäre, weiß die Lehre des
Kreuzes nichts.«
    »Deshalb eben nimmt sie auch nur einen ganz untergeordneten Rang und längst
überwundenen Standpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein!« rief
Florentin. »Sieh'! bereits vor mehr als dreihundert Jahren entwickelte sich in
der Menschheit jene gewaltige Bewegung, welche anzeigte, dass sie der Lehre vom
Kreuz, der Selbstverleugnung, satt sei; es war die Reformation. Alle und jede
Selbstverleugnung konzentriert sich im Gehorsam, und da die Kirche ihn von der
ganzen Welt im Namen des gekreuzigten Gottes forderte, so sagte ihr die
Reformation den Gehorsam auf, um anzuzeigen, dass sie mit der Lehre vom Kreuz
breche. Und das bewies sie tatsächlich. Wer sich zu ihr bekannte, war der
Selbstverleugnung überdrüssig und folgte dem Zug der Freiheit, für die der
Mensch geschaffen ist. Die Fürsten sagten dem Kaiser den Gehorsam auf, die
Bauern den Edelleuten, die Ritter ihren Lehensherren, die Städte ihren Bischöfen
und Äbten, die Priester ihren Oberhirten, die Mönche und Nonnen ihren Gelübden.
Durch den erhabenen Akt, dem römischen Papst den Gehorsam aufzusagen, fiel
selbstverständlich das Joch knechtischer Selbstverleugnung von Millionen, die
nun wieder frei aufatmen und sich ihrer Menschenrechte erfreuen konnten; denn
vom römischen Papst ging ja eben der ganze christliche Lebensorganismus aus, der
während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit wie ein Spinngewebe umfing. Die
Reformation blieb freilich nicht auf ihrer Höhe. Sie machte klägliche Versuche,
den entfesselten Geist wieder einzufangen und in die Botmässigkeit ihrer Bibel,
die politischen Verhältnisse in die Abhängigkeit von den Fürsten, die sozialen
Verhältnisse in die Fesseln verkehrter, weil auf papistischen
