
lauschen können. Jetzt eilten alle Steinmetzen, die bei dem äußern Bau zu tun
hatten, an ihre Plätze. Max selbst hatte ein ledernes Schurzfell umgetan und
eine Kelle in der Hand, um zu zeigen, dass er die edle Steinmetzkunst wohl
verstehe und ihrer Ausübung in der Mitte der Baubrüder und vor allem Volk sich
nimmer schäme.
    Im Freien ward bei solchen heiligen Bauten nur eben der wirkliche Aufbau mit
Kalk und Mörtel vorgenommen. Die Steine selbst wurden erst in der Hütte behauen
und mit jener kunstreichen Ornamentik versehen, oder zu jenen bald plastisch
schönen, bald wunderlich komischen Gestalten vollendet, welche wir noch heute an
den Werken der Gotik bewundern.
    Albertus Magnus, der Gründer des gotischen Baustyls, hatte zu seiner
Bildung vieles aus den Schriften des Hermes Trismegistus und Plato benutzt und
den berühmten Lehrsatz des Pythagoras in Anwendung für den Kirchenbau gebracht.
Dieser Lehrsatz gründete sich auf die Einheit, welche er in das Achtort als den
Mysterienschlüssel seiner neu erfundenen Baukunst legte. Das Eine, welches die
Kraft, das Unerforschliche, den Anfang und das Ende aller Zahlen einschliesst,
und doch selbst keine ist, weder gerade noch ungerade, lässt sich durch keine
aritmetische Formel herstellen: Gott! und Gott ist Eins, ohne Anfang und Ende,
ewig, was durch den Zirkel und den Kreis symbolisch ausgedrückt wird. Der Zirkel
ist die Kraft, Festigkeit, das beharrliche Streben, wieder an den ersten
Ausgangspunkt zu gelangen. Daher stellte Albertus das Achtort, in welches er den
Zirkel stellte, das Dreieck, das den Kreis bildete, als Grundprinzip und System
des Styls und der Konstructionen fest.
    Um den Maurern den langen und schwierigen Weg des Lernens abzukürzen und zu
erleichtern, und das Erlernte praktisch durchzuführen, ward der Tempelbau als
Gottesdienst gelehrt, und rief Albertus diese symbolische Sprache der Alten
wieder in's Leben, und passte sie den Formen der cabbalistischen, mathematischen
und geometrischen Baukunst an, wo sie in angenommenen Figuren und Zahlen als
Abkürzungen weitläufiger Anordnungen im Baugeschäfte sehr gute Dienste
leisteten, um so mehr, als es den Bauvereinen nicht erlaubt war, die Grundsätze
der Albertini'schen Baukunst schriftlich abzufassen, denn sie mussten, um nicht
profanirt zu werden, stets das strengste Schweigen darüber beobachten. Um das
Geheimnis zu bewahren, bediente man sich der Symbole. Sie galten als Norm und
Richtschnur bei Ausübung der Kunst, und erleichterten dem, der sie verstand, die
Arbeit. Nach dieser einmal festgestellten Kunstsprache ward die Konstruction des
Baues gebildet.
    Der Geist dieser Geheimlehre wirkte segensreich, denn man nahm nur
diejenigen zu Lehrlingen auf, bei denen man die Fähigkeit für ihr Verständnis
voraussetzen konnte. Sie mussten sich einem ersten Examen unterwerfen, das nur
diejenigen bestanden, welche mit natürlichem Verstand und einigen nötigen
Vorkenntnissen
