 den Himmel und hinaus zu den Menschen, sie mit
seinen Schatten zur Ruhe zu leiten und mit seinen Früchten zu erquicken. Dort
weilt eine alte Verwandte von uns, die wir erst kürzlich besuchten, an deren
tiefer Gelehrsamkeit sich Alle laben und die den regsten Eifer für die
Wissenschaften unter den Nonnen weckt und wach erhält. Und was sie für die
Wissenschaft, das ist Schwester Ulrike für die Kunst. Eine edle Frau, die gewiss
sehr tiefes Weh im Leben erfahren hat, die aber hindurch gedrungen ist zum
Frieden der Seele, den die Welt nicht gibt. Ihr Orgelspiel und Gesang sind
vollkommen Alles, was zur Kunst gehört, hat sie das vollste Verständnis. Ihr
solltet hören, wie begeistert sie von der Baukunst spricht und wie sie die
geheime Symbolik derselben zu ihrem Studium gemacht hat; vielleicht knüpft sie
auch oft für sich selbst eine eigene Symbolik daran und schmückt sie mit ihrer
poetischen Phantasie. Ich glaube, wenn man sie früher das Mechanische der
Steinmetzarbeit gelehrt, sie hätte eine zweite Jungfrau Sabina sein können, die
den Strassburger Münster mit verherrlicht hat. Ich wollte, Ihr kenntet diese
Frau.«
    Klara fügte die Rede der Schwester ergänzend hinzu: »Mir fiel diese Nonne
durch eine wunderbare Ähnlichkeit auf; es war mir, als habe ich dies Gesicht
schon gesehen, gleichwohl konnte ich mich lange nicht besinnen, wann und wo,
aber da ich den Steinmetzgesellen Ulrich wiedersah, brauchte ich mein Nachdenken
nicht mehr anzustrengen: ihm glich sie auf ein Haar.«
    »Und darum,« sagte Elisabet mit feinem Lächeln, und doch selbst dabei
errötend, »darum zog Euch die Nonne an?«
    Charitas errötete auch und blickte die Augen niederschlagend zur Seite,
indes Klara sagte: »In Beiden zieht uns derselbe Ausdruck der Begeisterung für
das Heilige an, und Euch, Elisabet, nicht minder als uns; ich wenigstens werde
keiner Verleumdung glauben, die es anders von Euch zu behaupten wagt.«
    »Klara!« rief Elisabet und blickte sie drohend und zornig an. Aber konnte
sie nach der Verleumdung fragen? sollte sie von einer Beschuldigung sich
rechtfertigen, die ja noch gar nicht ausgesprochen war? Sie konnte nicht
zweifeln, dass Charitas, trotz des gelobten Schweigens, da sie Ulrich in
Elisabet's Gemach fand, dies doch gegen die Schwester nicht gehalten hatte. Kam
die Verleumdung gar von dieser Seite, oder hatte Streitberg sie ausgesprengt,
wie sie nach seinen Worten auf dem Maskenfest wohl glauben konnte? - Im Gefühl
ihrer strengbewahrten Tugend und ihrer weiblichen Würde hatte Elisabet
verächtlich lächeln können, wenn man da und dort sie die Buhlerin des römischen
Königs genannt - warum ward sie denn jetzt so aufgeregt von diesem einzigen
Worte?
    Aber plötzlich war es, als
