 einander zu erklären.
Stephan sprach von Flucht und Entführung und vermochte oft den Ausbrüchen seiner
glühenden Leidenschaft nicht zu wehren - aber die sittige Jungfrau vermochte es,
und um sich selbst zu schützen und dem Willen ihres Vaters zu gehorchen, schrieb
sie jenes Brieflein, für das sie keinen andern Boten fand als Albrecht Dürer.
 
                                Drittes Kapitel
                                 Die Baubrüder
Man hat es dem Christentum mit Unrecht zum Vorwurf gemacht, dass es durch den
transcendentalen Charakter, den es im Gegensatz zu dem Hellenismus annahm, die
Kunst vernichtete. Wohl trat es gegen das Bestehende polemisch auf wie jede
Neuerung, also auch polemisch gegen die bestehende Kunst, seine vorwiegende
Geistigkeit verwarf die vorwiegende Sinnlichkeit der Antike, aber es schuf
dadurch eine neue Kraft, die in neuen Formen das Unendliche im Endlichen
darzustellen, oder doch zu verkünden, dazu zu erheben strebte.
    Als das Christentum eine Macht zu werden begann, waren ohnehin im
Abendlande der Sinn für schöne Kunst und der gute Geschmack gleichzeitig im
Absterben, und es bedurfte nicht des verrufenen angeblichen Vandalismus der
Germanen, um die Kunst von den Überlieferungen des Altertums in
mittelalterliche Rohheit zu versenken. Allerdings hausten die Germanen arg bei
ihren Grenzfahrten: aber das Siechtum der abgelebten romanischen Welt war der
Kunst kaum minder ungünstig als die germanische Rohheit. Die Kirche trat in's
Mittel der armselig gewordenen Kunst, wo sie aus der römischen Zeit fort
vegetirte das Leben zu fristen und bei den germanischen Völkern zunächst den
Sinn und Eifer für die kirchlichen Bauten und deren Verzierung zu wecken und die
rohen Hände zunächst an technische Arbeit zu gewöhnen. Wohl schien es nach dem
Untergange Roms, als wären auch Kunst und Wissenschaft demselben Untergange
geweiht. Die Hand am Schwert standen die Völker sich gegenüber, einander ihre
Rechte mit blutiger Schrift beweisend und abtrotzend, Lärm und Verheerung
bezeichnete die Schritte der Sieger, die letzten Tage der Kunst schienen
gekommen. Da taten die Klöster und geistlichen Stifte ihre Tore auf und nahmen
die verscheuchte Himmelstochter in ihren Schutz. Die Kunst wurde von den Mönchen
für eine göttliche Gabe erkannt, als ein Mittel, das Göttliche mit dem
Menschlichen zu verbinden und dieses durch jenes zu veredeln.
    Fast alle Mönche des sechsten und neunten Jahrhunderts, besonders die
Benediktiner trieben die Baukunst, und bildeten Schüler derselben. Sie zogen
dann auch Laien hinzu, zunächst die in dem Kloster erzogenen Kinder, Oblaten,
dann die Hörigen der klösterlichen Stifter und endlich auch andere Laien, die
sich der Baukunst widmen wollten. Auf diese Weise sind die Baubrüderschaften
entstanden. Das Mittelalter begehrte Genossenschaft in jeglicher Werktätigkeit,
und der Innungsgeist mag schon in der Zeit aufgekommen sein, wo die Laien noch
als Hülfsgenossen der Mönche arbeiteten. Doch erst die Ablösung der
Laienbauleute von der klösterlichen Dienstmannschaft gab den Baubrüderschaften
den Charakter künstlerischer Selbständigkeit,
