
geschehen?«
    »Ich komme zu Nacht in Deine Zelle,« antwortete Konrad.
    »Nein - da ist Hieronymus mit.«
    Konrad sah Ulrich verwundert an: wie mochte ein Baubruder dem andern nicht
trauen? »Ich will darüber nachdenken und es Dir bei der Arbeit sagen.«
    »Aber verschieb' es nicht lange!« drängte Ulrich.
    Mehr durften sie nicht wagen zusammen zu sprechen.
    Ulrich's sonst so kräftige und geschickte Hände zitterten bei der Arbeit. Er
vermochte kaum das Richtscheit gerade zu halten, noch den Meissel da
hineinzusetzen, wo er ihn hin haben wollte. Hieronymus sah ihm verwundert zu.
Aber Keiner sprach. Wie gestern arbeiteten die Mönche und Novizen mit ihnen.
    Da sie von der Arbeit gingen, sagte Konrad zu Ulrich: »Komm um Mitternacht
in die Kirche an das Tabernakel. Der Bruder Martin hat die Nachtwache, der stört
uns nicht.«
    »Ich komme gewiss!« antwortete Ulrich.
    Als er mit Hieronymus wieder in der Schlafzelle allein war, sagte dieser:
»Es ist doch eine sonderbare Geschichte mit dem Sakramentshäuslein - glaubst Du,
dass der Mönch wirklich verrückt ist, oder dass man uns nur etwas damit weiß
machen will?«
    »Meinst Du?« gegenfragte Ulrich; »ich weiß nicht, was ich dazu denken soll.
Nur ein Wahnsinniger scheint mir so etwas tun zu können, das gar keinen Zweck
hat - oder könntest Du Dir hierbei einen denken?«
    »Wenn es nun doch ein verzweiflungsvoller Mönch wäre, der das Leben nicht
mehr ertragen könnte und vielleicht unfähig zum Selbstmord etwas tun wollte,
danach man ihn zum Tode verurteilte?« sagte Hieronymus.
    »Dann hätte er ja seinen Zweck nicht erreicht,« bemerkte Ulrich.
    Sein Kamerad lächelte: Denkst Du, man wird sich begnügen ihn in Ketten zu
legen, bis er etwa wieder zur Vernunft käme? Man wird ihn darin verhungern und
umkommen lassen.«
    »Meinst Du?« fragte Ulrich entsetzt.
    »Ich müsste diese Mönchsjustiz nicht kennen!« sagte Hieronymus gähnend und
legte sich ruhig schlafen.
    Ja, er kann schlafen! dachte Ulrich; er ist ja unschuldig an dem, was dem
Unglücklichen geschieht - er hätte vielleicht geschwiegen - nur ich enthüllte
den Frevel und forderte Rechenschaft dafür - - Hieronymus kann schlafen - ihm
sagt sein Gewissen nicht, dass er vielleicht einen Vater ermordet - ihn klagt das
Wimmern dieses Verschmachtenden nicht an als seinen Mörder - und ihm ist nicht
die Wahl geboten: nach einer entsetzlichen Enthüllung zu verlangen, oder ihr zu
entfliehen und sich die Möglichkeit zu rauben, je Gewissheit über sich selbst zu
erhalten. O du glücklicher Hieronymus!
    Zum ersten Mal stieg in Ulrich's edler Seele etwas auf wie Neid
