
Mitgliedern. Der Geist des Albertus Magnus und seiner Geheimlehre der
christlichgotischen Baukunst wirkte noch mächtig fort, und wie die Säulen der
erhabenen Dome in immer kühneren Schwingungen aufstiegen, wie der ganze Bau und
in ihm wieder jeder einzelne Stein zu leben schien und dabei aus der
Begeisterung, damit Gott und dem Christentum zu dienen, eine Begeisterung für
die Kunst an sich und ihren eigensten Cultus neben, oder auch über dem
christlichen geworden war: so lebte wohl auch in den Brubrüderschaften ein höher
und weiterstrebender Geist, als er sonst in ihrer Umgebung sich kund tat - aber
ebenso war auch etwas Versteinertes und unwandelbar Feststehendes in ihren
Gesetzen und Statuten, das keine Reform derselben zuließ und Jahrhunderte lang
dieselben äußern Formen und Bestimmungen bewahrte, als wären gerade sie das
Wesentlichste der Sache.
    Dieselben Steinmetzen, welche sich ungestraft erlauben durften Tiara und
Inful zu verspotten und in ihren auf ewige Dauer berechnenden Steingebilden zur
Hölle fahrende Mönche und Nonnen, Könige und Bischöfe, ja Kaiser und Päpste dem
Hohne der Zeitgenossen wie der Nachkommen preiszugeben - dieselben Steinmetzen
mussten gewissenhaft zur Beichte gehen, und verfielen den schwersten Strafen der
eigenen Hüttengesetze, wenn sie irgend eine kirchliche Handlung verabsäumten.
Dieselben Freidenker, welche sich über das gesunkene Kirchentum erhaben
fühlten, waren doch die Feinde derer, welche sich nicht dazu bekannten - die
allgemeine Verachtung, welche damals die Juden traf, wie der Hass gegen die
Türken als den Erbfeind der Christenheit, war auch im Bekenntnis der Baubrüder
eine Hauptstelle, und auch die Aufgeklärtesten unter ihnen waren ganz und gar
von diesem Vorurteil erfüllt. Wir haben gesehen, wie Hieronymus auf das
Mächtigste von ihm beherrscht ward - ebenso wenig war Ulrich ganz frei davon,
aber er hatte doch an die Worte des Meisters denken lernen: »Unter allerlei
Volk, wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm« - und hielt es
nicht für unmöglich, dass Rachel zu diesen Rechttuenden gehören könne - wenn
schon sie so unglücklich war eine Jüdin zu sein!
    Aber Hieronymus wollte nichts von einer solchen Anschauung wissen und
fürchtete zumal auch, dass Ulrich sich und ihn in Schimpf und Schande in der
Hütte bringen werde, wenn ein Zufall oder vielleicht Rachel selbst verriete,
dass er mit ihr gesprochen und sie in seiner Wohnung verborgen gehabt hatte, in
die sie früher schon mehr als einmal sich gedrängt. Wie den Baubrüdern jeder
Verkehr, auch mit ehrbaren Frauen, als Vergehen angerechnet ward, galt der mit
einer Jüdin als doppeltes Verbrechen, denn man achtete eine solche gleich der
verworfensten Dirne, mochte sie auch unschuldig sein wie ein Kind.
    Zu den andern Vorurteilen sowohl der Zeit als der Baubrüderschaften, die
darauf ihre Gesetze gründeten, gehörte die Notwendigkeit ehelicher Geburt zu
sein. Alle unehelichen Kinder galten als rechtlos, und
