 früheres
protestantisches Bekenntnis nur in ihrer Menschennatur kennt, nennt die Litanei
unter anderm die mystische Rose. Mag sie von denen, die sie als solche sehen
mögen, in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen
verehrt werden, Ihnen gegenüber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser
Litanei vor, dass uns die heilige Frau - ein Spiegel sein solle. Gerade Sie
möcht' ich fragen: Wie ist Ihnen das nur? Wenn Sie nach einem solchen Leben, wie
Sie es mir geschildert haben, jetzt an Maria denken, zu dieser aufblicken, sich
mit dieser ganz einig, ganz verbunden, ganz Freundin zu sein wünschen, was
empfinden Sie da?
    Lucinde blickte im Geist aus das kleine, in unterirdischer Einsamkeit
stehende Muttergottesbild - und musste schweigen ...
    Maria, fuhr Bonaventura fort, mag Ihnen in Ihrer menschlichen Gestalt
erscheinen, wie sie will; die Evangelisten haben nichts verschwiegen, was die
Vernunftkritik gegen sie deuten kann. Halten Sie sich aber an das, was Maria
durch das Christentum erst selbst geworden ist, wie denn überhaupt die
Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der christlichen
Gemeinschaft eine der immer frisch zuströmenden Quellen unseres Glaubens ist.
Maria wurde schon der allerersten christlichen Zeit eine Mutter, so groß, so
verklärt, dass sie ohne Sünde empfing, die Verehrung vor der Frauenreinheit Mariä
wird noch dahin kommen, dass die Kirche dem Verlangen nicht widersteht, sogar von
ihr zu sagen, dass sie selbst ohne Sünde empfangen wurde. Das sind Dogmen des
Bedürfnisses, Dogmen der Huldigung und der nicht versiegenden Liebesströme
innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft selbst. Wir wissen, wer die heilige
Anna, die Mutter Maria's war, wir kennen die Schleier, die auf ihrer Verbindung
mit dem heiligen Joseph ruhen; aber alles das schwindet gegen das, was Maria in
den wilden Geburten der Geschichte wurde. In der Barbarei der Zeiten! In der
rohen Entwürdigung der Frauen! Immer schwebte sie da in den Lüften als ein
unentweihtes Symbol des Fraueutums. Der glühende Spanier und Provençale mag sie
wie eine Geliebte verehrt haben, der Slawe wie eine Mutter, der Germane
vielleicht am kühlsten nur wie eine Schwester: immer war es Maria, die die
Wildheit zähmte und der Leidenschaft die tödliche Waffe aus der Hand
schmeichelte. Die Zivilisation der Sitten ist durch sie gewonnen und erhalten
worden. Und erst in unserer Zeit! Der Mariencultus ist nicht mehr die Bürgschaft
der mildern Sitten; jetzt ist er der lebendig gewordene reine weibliche,
sittliche Sinn. Gerade die Reinheit Mariä zu verehren drängt es diese unreine
Zeit, die Zeit der Frivolität, der Emancipation von der Sitte, die Zeit des fast
ins Allgemeine mitwirkend und mitstimmend aufgenommenen Frauenberufes, die Zeit
der Nivellirung der Familie und Erziehung. Und nun,
