 Geist, mehr Wissen, mehr Tatkraft und - für die Meinung anderer
vielleicht selbst mehr Schönheit, als diese ...
    Doch wirkte Lucinde auf ihn, wie er einst auf einen Scherz Benno's gesagt
hatte, feuermagnetisch. Sie wirkte abstoßend durch Überkraft und eine zu große
Willensstärke ...
    Er blieb bei seiner Priesterpflicht.
    Äusserlich wollte Lucinde nur einen Rat haben, wie sie nach einem so
geschilderten Leben und innerlich gänzlich zerstörten Dasein nicht die Lust am
Leben und an sich selbst verlöre, zur Wahrheit käme, die Lüge und Verstellung
miede, sich an fremdem Glück erfreuen, vor allem in der von ihr gewählten
Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden könnte ...
    Eben die Religion verschleierte alles.
    Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert, sich zu setzen ...
    Auch das tat sie wie Magdalena und stützte das Haupt ...
    Jetzt fühlte sie die losgegangene Flechte. Sie steckte sie errötend auf,
während Bonaventura die beiden Kerzen anzündete ...
    Endlich sprach er ihr mit einer Stimme, die auch nur ihm angehören konnte:
    Meine verehrte, liebe, teure Freundin! Wie, wie lange kennen wir uns doch
nun schon! O, glauben dürfen Sie mir - dass ich oft, oft - wie oft! über Sie
nachgedacht, über Sie mit Gott geredet habe! Was Sie mir vielleicht vor einigen
Monaten schon sagen wollten - dies Neueste da, der Besuch Ihres frühern
Verlobten in Knabenkleidern, nun, das ist eine Waghalsigkeit, die auf Rechnung
Ihres abenteuerlichen Sinns kommt, ein Kampf gegen die Obrigkeit, den ich nicht
billigen kann, ein Vergehen, das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigt
- Ihre wahren innern Peinen erfahre ich erst jetzt. Und dass Sie jenes Neueste
hinzufügten, das nehm' ich für einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priestertum.
Sie vermissen, sagen Sie, eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und
Lebens. Das ist ein schönes, ernstes, für Ihre ganze Zukunft entscheidendes
Wort! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rügen. Sie haben die
Liebe nicht gekannt. Sie haben sie von andern nicht erfahren; ich rüge nicht,
dass Sie sie auch nicht erwiderten. Auch Ihren mächtigen Ehrgeiz will ich nicht
tadeln. Es war vielleicht der Trieb nur des Wachstums zum Bedeutenderen. Dass
ein Baum gen Himmel anstrebt, ist ein Preis Gottes, kein Preis seiner selbst.
Ein armes Mädchen vom Lande gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung,
die Ihnen bald weh tat, bald schmeichelte. Immer wollten Sie mehr sein, als was
das Geschick Ihnen zu sein anmutete; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht
deshalb empor, weil Sie einen Trieb hatten, geistig mit sich zufriedener zu
sein, als dies mit sich Tausende
