 dennoch gleichsam ablösen
kann von unserer ersichtlichen körperlichen Hülle. So fließt das Licht der Sonne
und des Mondes um die dunkle Erde, so leuchtet der Phosphor an unsern Händen,
die ihn nicht fühlen. Zwei Menschen, körperlich vor einander zitternd, bebend
vor einer Berührung, wenn zufällig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des
Breviers streifte - und ihre innerste moralische Welt doch wie ein fast
sichtbarer geistiger Äther um sie her und hin und wieder fliessend. Diese Worte,
diese Geständnisse, diese Accorde wie von einer unsichtbaren Musik sollten nicht
in eine Weltordnung den Weg bahnen, wo die millionenfache Täuschung aufhört und
der Geist, auch wenn vom Körper getrennt gedacht, wonnigste, seligste Wahrheit
bleibt? ...
    Lucinde hoffte das schon für diese Erde ...
    Doch - Bonaventura blieb - ein Priester voll Hoheit. Er vertrat die
Religion. Er glich einer Kirche, in die man, innerlich noch so weltlich gesinnt,
doch äußerlich voll Demut und zur Ehre des Höchsten eintritt. Auch hörte er im
Geiste die Worte, die ihm und dem Mönch Sebastus vor wenigen Monaten der
Kirchenfürst von der Milde des Heilands zur Magdalena gelesen ...
    Dass sich etwas, was liebestollste Zudringlichkeit war, hier in einer Form
aussprach, die schon zum Wahnwitz geworden, konnte er nicht verkennen ... Er
hatte Lucinden im Lauf der von ihr in düsterm Unmut und wahrhaft schmerzensvoll
bekannten Leiden, die sie durch ihre eigene unausgesetzte Torheit und
moralische Hülflosigkeit über sich heraufbeschworen, gebeten - den Hut
abzunehmen; sie tat es mechanisch und legte den Hut neben sich auf den
Fußboden. Ihrem Haar entglitt eine Flechte, die nicht genug befestigt war. Lang
und schwer hing diese Haarflechte nieder. Lucinde merkte nichts von diesem
Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttäuschung zu
Hilfe ... Sie wand sich wie Magdalena.
    Bonaventura wusste nun: Dies irrselige, schöne Frauenbild bekennt alles das,
nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen, von dir Worte der Liebe zu
hören, vielleicht - jetzt nur deine Hand küssen zu können und - stumm zu gehen
... Sie will jetzt, wo du reisest, nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir
führen, nur, wenn du wiederkehrst, mit ihren Blicken dich umwerben, mit ihrem
Lächeln dich umschmeicheln dürfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben,
dass man sagt: Dieser Geweihte ist ein Heiliger; strauchelte er, so würde er es
nur mit jenem Mädchen können, das bei jeder Messe, die er liest, immer an
demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ...
    Bonaventura wusste, dass er straucheln konnte, wenn Lucinde - Paula war ...
Jene hatte mehr
