, zu tief, so quälen dich schon ihre Mängel! Immer
gefiel dir die Sache, die du selber triebst, aber sie misfiel dir, wenn du sie
auch unter den Händen anderer sahst! ... Ist der Beruf eines Bettelmönchs deiner
würdig? Kannst du so deine Tat eines Vatermordes - denn Hehler wie Stehler! -
vergessen? So diese Tat sühnen? ... Lehne den Vorwurf nicht ab! Auch mich
beschuldigen oft desselben Verbrechens die gespenstischen Schatten von Vater und
Geschwistern. Trotze jedoch unserm Menschenloose! Bleibe groß! Ringe dich höher
und höher! Flieh nach Belgien! Nach Lüttich! Deine Gönner bieten dir die Hand!
Kannst du dies Haus verlassen, der Wagen führt dich, wohin du willst! Werde
Jesuit ...
    Klingsohr hatte sich erhoben, ging mit seinen Sandalen zwar unhörbar auf und
nieder - aber die schöne, mutige, beredsame Sprecherin hatte ihn in Flammen
versetzt ... Im Begriff war er, sie an sich zu reißen und mit seinen Küssen zu
bedecken ... Zu ihren Füßen mochte er sich werfen, die schlanke Gestalt
umschlingen ...
    Lucinde ahnte diesen sich mehrenden Sturm seines Innern, deutete, um ihn
durch Vorsicht zu beschwichtigen, auf einen anrollenden Wagen und fuhr fort:
    Ich finde dich ganz so, wie Serlo dich beurteilte! Du glaubtest, sagte
dieser seltene Mensch, andere zu beherrschen und wärst der Sklave nur derer, die
dich bewundern! Ohne den Wind, den du selber um dich her machtest, wärst du
sogleich auf dem Sande! Stürme glaubtest du zu beschwören, die die Welt
erschüttern, und du wärst doch nur der Mann des Sturms im Glase Wasser! Kleine
Huldigungen könnten dir zur Abschlagzahlung für die größten Erwartungen dienen,
in denen du dich täuschen ließest! Wahre Erfolge wärst du so wenig gewohnt, dass
man dich mit Kupfer statt mit Gold befriedigen könnte!
    Nein! rief Klingsohr wild und ergriff einen Riegel des Fensters, als könnte
er diesen vom Holze reißen vor beleidigtem Ehrgefühl ...
    Nimm von mir die Lehre, fuhr Lucinde lächelnd fort, die sich auf die
bitterste Erfahrung auch meines Lebens begründet, dass wir zu Grunde gehen, wenn
wir uns kein Ziel mehr stecken! Im Kloster könntest du zwei Ziele haben:
Priester zu werden, du bist es nicht, dann ein Heiliger! Beides aber wird deiner
Natur mislingen. Tritt aus diesem Zirkel, in dem du lebst, heraus! Geh nach
Belgien! Unterwirf dich den Strafen und Bussen, die man anfangs über dich
verhängen wird! Bei der Beurteilung des Dranges, der dich trieb, deinen
Überzeugungen mehr zu nützen, als du im Kloster Himmelpfort vermöchtest, wird
man etwas deinem Geiste Natürliches in dieser Flucht finden und dir
