, wie ein grausamer Zufall mich zwischen beide gestellt hat? Oder hat
man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen, was auch schon Nück über mich
wusste? Sind die Umstände, die mit deiner schimpflichen Entfernung aus der
Dechanei zusammenhängen, schon hierher unter dies armselige Dach gedrungen und
von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden?
    Die Jüdin vermied, das, wie sie wohl sah, außerordentlich reizbare junge
Mädchen zu verletzen, zog sich klug in ihre Bescheidenheit zurück und sagte
ausweichend:
    Es gibt Menschen, die sich vermeiden, gerade deshalb, weil sie sich lieben!
    Wie? wallte es in Lucinden über dies dunkle Wort auf; weiß auch sie schon,
dass meine Liebe zu Bonaventura eine unglückliche ist?
    Sie sagte:
    Der Pater und der Domherr meinen Sie? ...
    Oder, fuhr scheinbar nichtachtend Veilchen fort, weil die Wahrheit, die
einzugestehen dem einen eine große Seligkeit wäre, dem andern Schmerzen bereiten
könnte ...
    Lucindens Auge leuchtete immer forschender auf ... In ihrem Blicke lag: Will
sie denn sagen, dass Klingsohr Bonaventura deshalb nicht sehen und durch
Mitteilungen kränken will, weil er glaubt, Bonaventura liebe mich? ...
    Die Jüdin fand sich in den Eindruck ihrer doppelsinnigen Reden und fuhr
fort:
    Es gibt doch Menschen, die täglich mit Wärme von der Liebe sprechen können,
und sie selbst sind kalt -?
    Lucinde horchte ungewiss ...
    Sie fühlen wohl die Liebe - denn die Liebe ist unabweisbar - aber sie haben
nicht den Mut, sie - sie zu genießen -
    Zu bekennen! verbesserte Lucinde und suchte endlich aus diesen Andeutungen
Klarheit zu gewinnen.
    Meinen Sie? sagte Veilchen. Die Liebe ist doch ein Genuss - ein Egoismus, ein
schöner Egoismus!
    Die Liebe ist Selbstentäusserung ...
    Die Religion lehrt das, aber die Philosophie sagt: Die Liebe ist das
Bedürfnis, sich von seiner eigenen Person erlöst zu wissen und die Wonne zu
genießen, dass wir darum doch in einer andern Bestand haben! Ein Priester kämpft
gegen diese unendliche Freude, die in der Liebe liegt, durch seinen Beruf an und
- noch mehr! Wenn die Liebe die grausamste Eitelkeit genannt werden muss, weil
der Mensch verlangt, dass ein anderer gleichsam statt seiner lebt und mit für
sein Leben die Kosten bezahlt - die Kosten, die manchmal über des andern Beutel
gehen - so kommt es, dass die weichsten Menschen kalt erscheinen, bloß weil sie -
bescheiden sind -! Bescheiden! Fräulein! Sie wollen den andern nicht in Unkosten
versetzen ...
    Die Jüdin lächelte, Lucinde nicht ...
    Sie erklärte sich nach dieser eigentümlichen Dialektik Bonaventura's Kälte
aus dessen edlerer Natur, die sich bekämpfe und sich ein Glück versage, das ihm
doch
