 die Tyrannen dann gezwungen gewesen wären,
schilderte er, einen Joseph zu rufen, der die Träume zum Wohl der Menschheit
hätte deuten dürfen, oder einen David, der sie hätte beruhigen müssen durch die
Zauber der Kunst ... Diese zwölf Legionen Engel schilderte Bonaventura als den
Trost und die Zuversicht in jeder Bedrängnis der Menschheit. Alle sahen sie, wie
er mit hoch emporgehaltenen Händen die Leiden der Erde schilderte, sahen diese
mit Schwertern bewaffneten Engel, hörten sie wie mit Posaunen in den Kampf
rufen, fühlten ihr Schmettern und ihr Schwertschlagen und das Dröhnen ihrer
Schilde in den Lüften. Dann aber rief begeistert der Redner die Phantasie von
ihrem Fluge zur Erde zurück, legte die Hand auf die Brust und sprach: Wo anders
läge das Schlachtfeld dieses großen Kampfes des Guten gegen das Böse, das
Schlachtfeld, das die eigentliche Entscheidung der Dinge dieser Welt gibt, als
in dem Herzen und dem Gewissen und der Furcht Gottes eines »Jeglichen unter
uns«!
    Was sodann der Kirchenfürst, ganz nach Sebastus' Prophezeiung, zunächst
gehofft zu haben schien, als er von einer kleinen Dorfpfarre diesen Priester in
die großen Hallen seiner Kathedrale rief, war schon in kurzer Zeit eingetroffen.
Vorzugsweise war es die Belebung des Beichtstuhls gewesen, auf die man gerechnet
hatte. Diesen, wie alle Institutionen der Kirche, selbst die veraltetsten, in
größere Aufnahme zu bringen, wurde immer mehr zur Taktik des großen Feldzugs,
dem hier und dort auch andere Kirchenfürsten die Oriflammen vorantrugen. Durch
den Beichtstuhl war die mehrfach angedeutete Philosophie getötet worden. Der
Beichtstuhl teilt die von Rom empfangene Parole aus. Der Beichtstuhl ist das
Mittel, die Fürsten wieder in die Büsserhemden von Kanossa zu jagen. Der
Beichtstuhl regelt, erzieht und straft die Leidenschaften und keine mehr als die
Liebe und den Hass. Der Beichtstuhl gibt Ratschläge und für nichts mehr, als für
die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menschen und für kein Nebeneinander
mehr, als für das in der Ehe ... »Aber auch die größte Kraft der Opposition
gegen den Beichtstuhl«, rief einst Benno, der in Beichtstühlen das Rätsel
seines Lebens begraben glaubte, »liegt ebenfalls in dem, was unserm Jahrhundert
das Heiligste geworden ist, in der Ehe und in der Familie. Wie mancher Vater
hält seine Tochter von der Beichte zurück, weil sie dort - wie oft! - nach
Sünden gefragt wird, von denen die Unschuld ihres Herzens und ihrer Phantasie
keine Ahnung hat. Der Gatte sieht sein Weib mit Schmerz zur Beichte gehen; denn
er kann die Vorstellung nicht verbannen, sie vollzöge einen Act der Untreue, die
es zwischen Liebenden auch in geistigen Dingen geben kann -«
    Bonaventura aber saß an dem großen Ohre des Dionysius und hörte die
Bekenntnisse der Menschen
