 eine - sittliche Wiedergeburt genannt hatte?
    Die kleine schöne Frau »mit den silbernen Locken« war erst seit einem Jahre
in den Lebenskreis der stolzen, immer nur ernsten und feierlich gestimmten
Matrone eingetreten. Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin, der
inzwischen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schwester Scholastika, einer
geborenen Freiin von Tüngel-Heide, aus ihrer Heimat, im Kloster gelebt und an
den beschwerlichen Mühewaltungen derselben teilgenommen. Ihre Gesundheit,
ohnehin erschüttert durch die Folge jenes Verstecks (beiläufig bemerkt in einem
chemischen Laboratorium ihres Schwagers auf Schloss Westerhof) und durch die
darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem täglichen Verkehr mit
dem zum Kloster gehörenden großen Spitale. Offen bekannte sie ihrer Freundin
Scholastika, da sie kein Gelübde bände, würde sie in die Welt zurückkehren,
»denn die Pflicht der Selbsterhaltung ginge über alle Sorge für Fremde, die
nicht auf uns allein angewiesen sind«. Es war dies einer der Sätze, die zu einem
immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten System der Lebensphilosophie
gehörten. Sie schied aus dem Kloster und verwarf damit zugleich das Klosterleben
in seiner überlieferten Form. Sie sagte schon damals am ersten Abend, wo sie auf
der Herrenstrasse im Palais der Salem-Kamphausen in einem prächtigen Rococozimmer
mit Goldleisten und Spiegelwänden neben der Gräfin am Teetisch saß: »Es sollte
keine andern Lebenszwecke geben, außerhalb der Bewährung unserer eigenen Kraft
und unserer Erziehung zur Vollkommenheit! Eine Institution, die mich auch klein,
unbedeutend, sklavisch gebunden, krank brauchen kann, ist des Menschen unwürdig.
Nur dem sollen wir uns unterwerfen, was unsere Kraft in ihrer Größe braucht, sie
entwickelt, uns die Frische des Willens und der Tatkraft erhält. Dass gewisse
Gedanken in der Welt realisirt werden müssen, nur um als solche zu glänzen,
während das Einzelwesen, das zur Realisirung derselben beiträgt, dabei gering
erscheint, werd' ich nie für gut finden.« Eine Äußerung, die die Gräfin
nachdenken ließ, sie aber zu dem Worte bestimmte: »Ich finde in diesem Ausspruch
Wahrheit, aber Sie drücken sie mit zu vielem Menschenstolze aus. Wir ermangeln
alle eines andern Ruhmes als dessen, den wir vor Gott haben.« Leicht möglich,
dass selbst der Gräfin Bonaventura's Auffassung besser gefallen hätte, die wir
damals berichteten, als dieser den Pater Sebastus vor dem Goldnen Lamm unter
Bettlern sah - die Unterordnung gerade der stolzesten Individualität unter einen
allgemeinen, der Menschheit im großen und ganzen als ein Schauspiel zur
Nacheiferung zugute kommenden Begriff. Freilich war Bonaventura von dieser
Auffassung schon am Tage darauf nach der Szene beim Kirchenfürsten schmerzlich
zurückgekommen.
    Trotz dieser Verschiedenheit der Ansichten hatte die Gräfin an Monika ein
großes Gefallen gefunden. Sie war ihr ein lebendiger und höchst willkommener
Beweis, wie der Katholizismus consequent
