 Körnlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wünschte Lucinde
diese Lage geändert. Das Aufsehen, das sie in der ganzen Gegend mit dem »tollen«
Kammerherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben müssen, dass
ein Brief, den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst
von ihr auf die Post gegeben war, zurückkam, mit der vollständigen und wahren
Adresse seines Schützlings, ja, dass der Meyer von Eibendorf ihm Mitteilungen
machte, die jetzt den Zustand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden,
vollkommen erklärten.
    Eine scheue Besorgnis des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon längst
gesteigert, sie wurde zur Abneigung, als man sie bei Überreichung des von der
Post geöffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wohl aufs
äußerste über die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand, weniger aber über
den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz: »Ist vor vier Wochen am
Nervenfieber gestorben.«
    Der Tod ihrer Schwester Luise, einer einzigen, wie sie öfter gesagt hatte,
erschütterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Dass mit so viel
Schönheit, jeweiliger Liebenswürdigkeit, immer mehr sich herausstellendem Geist
und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefühllosigkeit verbunden sein konnte, als
sich jetzt erst offenbarte, nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den längeren
Aufenthalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach
Neuhof die Anzeige gemacht, dass sie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei
sich behalten könnten, mit ihr aber länger nicht mehr mochten.
    Lucinde übersah das alles. Ihrem wühlerischen Umblick entging selten etwas,
während sie alles an sich zu verbergen wusste, selbst den Schreck und ihr
wirkliches geheimstes Erschüttertsein durch den Tod der Schwester. Trotzig warf
sie die Lippen auf und erklärte, sie ginge jeden Augenblick, wenn man's
wünschte. Man irrte sich keineswegs, wenn man voraussetzte, dass sie auch vom
Kammerherrn sich trennen wollte, wenn nicht eine andere Festsetzung ihres
Verhältnisses zu ihm stattfände. Die Aussicht sogar, die Gattin desselben zu
werden, schien ihr keineswegs zu hoch. Sie besaß einmal die Formel, die diesen
verdunkelten Geist einigermaßen zu erhellen vermochte. Sie sagte sich, dass der
vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen könnte, sich bei einer doch
schon aufzugebenden Persönlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel
zu stemmen.
    Darin irrte sie sich aber, wie sie von der hierin entscheidenden
Persönlichkeit selbst erfuhr.
    In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus, der Vater des
Kammerherrn.
 
                                       9.
Freiherr von Wittekind-Neuhof, Kronsyndikus des ehemaligen Königreichs
Westfalen, setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und
Schrecken.
    Als der Kammerherr den am Wirtshause haltenden väterlichen Reisewagen
gesehen, der über und über bespritzt, langsam durch die morastigen Straßen des
Oertchens
