 und schminkte
die Wangen der Leiche, dass sie wie volles blühendes Leben aussahen ... Jetzt,
meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend, ergriff sie gierig die
kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick, das Haar
sträuben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie
mit einem ihr bekannten Wesen, redete voll Teilnahme, voll Herzlichkeit;
beklagte die Leiden derselben, tröstete sie, eröffnete ihr ein Reich der
seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen, wie wenn ihr ganzes Sein sich
einmal aufgelöst hätte wieder in Andacht, Poesie und längstentbehrter Liebe ...
ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war, bekämpfte
ich mein Grauen, tauchte den Finger in das Öl der Lampe und entfernte die
trügerische Lüge des Lebens von den toten Wangen ... Der Gatte und die Kinder
kamen zurück ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzählte ich, der Alten
wäre es ein Bedürfnis, in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese
Frau, mit der ich täglich verkehren musste, konnte ich nie mehr ansehen, schwieg
auch von dem Vorgefallenen zu jedermann, bis ich von andern erfuhr, dass diese
Manie allgemein an ihr bekannt war und dass sie, um sie zu befriedigen und vor
den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes, der sie die Leichenschminkerin nannte,
sicher zu sein, schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben führte.«
    Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit Lachen sogar ... heute
erschien sie ihr in einem seltsam andern Lichte ...
    Sie überschlug jedoch einige Betrachtungen über das was man ein
Leichenschminken in der Geschichte nennen könnte, und fuhr fort:
    »Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zurückversetzt hat in meine erste
Erziehung zum Priester, in die klösterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im
Konvict!
    Ja, wer nennt euch alle, ihr Verirrungen, die unausbleiblich sind, wenn man
die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt
wissen will, diese Natur zu bekämpfen, auszurotten und mit einer geläuterten,
einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen! Wenn dich dein Auge
ärgert, reiss es aus! war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im
Bilde gesprochen! Wirklich reißen sie sich - und andern den edelsten Teil des
schönen menschlichen Baues aus! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre
von der Erbsünde doch, wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege; aber bei
uns, den Treugebliebenen, uns, den in duldender Ergebung das große
geschichtliche Vermächtnis Forttragenden, bei uns ist darauf die ganze
Heilslehre begründet und der Teufel eine Macht, die man schon von dem Kinde
wegbläst und wegkreuzigt, wenn es
