 Verschwiegenheit
dieses Mädchens bauen ... Wer war der Verräter! ... Wer war es, der des Nachts,
so ruhelos wie ich, dahin irren konnte? ... Ja, ich war auf der obersten Galerie
des Theaters! Dort, in eine Ecke gedrückt sah ich jene Frau spielen, die einen
edelen Menschen auf ihrer Seele hat - sah die Kinder springen, die ich oft auf
dem Schoose gehalten und für welche Lucinde arbeitete, sich mühte und entbehrte,
wie eine zum Magddienst sich verurteilende Königin ... Das Haus war
menschenleer ... aber nicht so öde war es, als das Gefühl meines Daseins ... ich
irrte in den Straßen, sah nicht die Spione, die mich verfolgten, vergaß die
Ordnung des Hauses, das ich mit vielen andern bewohne, bestieg die Stufen des
Gastauses zum Lamm, kehre schaudernd um, aber um mich her sah ich nichts als
Lucinden, sah sie mit phantastischen Blumen bekränzt, sah sie im langen Kleide
hoch zu Ross - mir winken - Himmel und Erde! Ich wage Ehre und Freiheit und mein
ganzes Leben, um nur fragen zu können: Wo ist Sie? Was wurde aus Ihr? ...
Zitternd steig' ich zu der Frau empor, an deren Herz zu glauben ich nicht die
mindeste Berechtigung hatte, aber ich zwinge mich dazu ... Aber auch sie
verriet mich nicht! Sie schwur's mir bei dem Andenken Serlo's, obgleich der,
wie sie sonst und jetzt sagte, schuld gewesen wäre an ihrem ganzen verfehlten
Dasein ... Ich finde diese Menschen, klein wie immer, geringfühlend wie immer,
voll Zorn über die Leere des Theaters, voll Hohn über das Ausbleiben des
Beifalls ... aber vor ihnen steht dennoch ein köstliches Mahl, liegt eine Rolle
Geld ... eine Sendung war es von Lucinden ... Sie ist hier! Hier in dieser
selben Stadt .... Und da sollt' ich nun auf und davon? Sollte nicht verweilen,
lauschen, horchen - aus meiner begrabenen Welt! ... Sollte nicht vertrauen, dass
Menschen, die durch die Schule des Geschicks so tief gedemütigt waren, dass sie
sogar Konstanzen Huber, wie sich Lucinde genannt, das Wort gaben, sie nirgends
zu kennen und sofort diese Stadt zu verlassen und auf die Woge des Lebens
zurückzukehren (was sie hätte und erwürbe und teilen könnte, hatte sie
geschrieben, sollte ihnen, wenn sie wollten und wo sie wollten, gehören) ...
sollte nicht vertrauen, dass durch Geld und Mitleid gewonnen, diese Menschen mich
nicht verrieten ... Ich wäre geblieben bis zum Hahnenschrei! Ich hätte geredet
und geträumt, wenn
