 in
der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt, allmählich aufgezogen, allmählich
herangebildet, wie könnte er in die Berge steigen! Nein! Aus einer einzelnen
zufälligen Entschließung des edelen Herzens hier und dort ist es nicht möglich
jene jungen Männer dort oben wohnen, wirken, früh dahinwelken zu lassen! Sie
würden vielleicht zuweilen in größerer Anzahl sich einstellen, als sie nötig
sind; öfter aber auch würden sie ganz fehlen. So muss es eine Pflanzschule dieses
Geistes der Aufopferung geben, irgendeine magische Zauberformel muss sie alle
halten und regieren. An dem Mut, dort unter den Gerippen und dem Schnee des
St.-Bernhard auszuhalten, arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit!
Das ist ja das Geheimnisvolle in unserer Kirche, dass sie ein Zusammenwirken
tausendfacher Kräfte ist, wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt, was an den
Personen sich heute findet, morgen fehlt. Unsere Kirche befreit den Geist von
den Launen des Zufalls, der Natur! O dass das so wenig verstanden wird!
    Unsere Methode ist groß! räumte der Dechant ein; seufzend aber setzte er
hinzu:
    Soviel Schönes, soviel Erhabenes in unserer Kirche, so vieles, was den
poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt -
wenn nur so vieles andere, was dem Menschengeiste von unsterblichem und
göttlichem Werte sein darf und muss, nicht in ihr verloren ginge!
    Dies Thema trennte beide wie immer ...
    Ein rätselhaftes Gefühl drängte den Dechanten, während der entstehenden
Pause seinem Schreibtisch zuzulangen, als müsste er jenen Brief von unbekannter
Hand Bonaventura mitteilen, jene Aufforderung im Jahre 18** am Tage des
heiligen Bernhard von Klairvaux unter den Eichen von Kastellungo sich zu einem
Koncil der Befreiung einzufinden!
    Doch erblickte er unter den Papieren zunächst nur den Brief Angelika
Müller's mit den Einlagen ...
    Auch dessen Inhalt erlaubte es, bei dem Gegenstande zu verweilen, den
Bonaventura die Grundlage der katholischen Kirche genannt hatte.
    Der Dechant war der Meinung, dass die katholische Kirche nicht zu ihrem
Vorteil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat. Wo die persönliche Freiheit so
beschränkt wäre, dass man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl
hinsiechen müsse ... da könne der Segen Gottes nimmermehr weilen! Er sprach dies
auch jetzt wieder aus mit Rücksicht auf die Briefe, die er entfaltete ...
    Bonaventura unterbrach ihn aber schon ...
    Nein, Onkel, sagte er, es gibt keine Religion, die nicht bindet! Schon im
Namen liegt's ja! Haben die Völker nicht in diesem ein höheres Gesetz, so haben
sie es in jenem! Was ist nicht alles den Juden, was nicht den Türken untersagt!
Ja, die katholische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt! Das ist wahr
