
    Gut! Die Vorlesung lenkte wieder ein, kam auf Unverfängliches, war vorüber.
Die Offiziere, Beamten, Damen waren entzückt. Doch zugleich entstand um die
Herren vom Kapitel, die sich sogleich entfernt hatten, ein von Vorwürfen und
Ausbrüchen des Unwillens gemischtes Murmeln. Die Veranstalter dieser Vorlesung
wurden von gesinnungsvollen Personen zur Rede gestellt und ohne Zweifel wär' es,
wie billig, zu Erörterungen gekommen, die die gedankenlose Nachahmung solcher
inhaltleeren nordischen Residenzgenüsse verdient hätte, wäre nicht der
Gegendruck der Anwesenheit unserer weltlichen Oberbehörden und der hohen
Militärs zu stark gewesen. In einigen Abendcirkeln, zu denen ich zugelassen zu
werden mir zur besonderen Ehre rechnen darf, kam die strenge Unterscheidung, die
die Geschichte zwischen Welfen und Ghibellinen aufgestellt hat, zur Sprache und
es stellte sich heraus, dass wir uns eigentlich alle noch auf dem Standpunkte
jener wilden und blutigen Tage befinden. Ist nicht jede Erfahrung, die wir in
unsern täglichen Konflicten machen, eine Bestätigung, dass dieser unselige Kampf
immer noch nicht ausgekämpft ist? Das Ghibellinentum ist der Herrscher des
Tages. Die Gewalt nicht der Fürsten und Herren etwa allein, sondern des
bureaukratischen Staats ist der siegreiche Hohenstaufe, der überall in
unzugänglichen Felsenburgen tront. Verwaltung, Unterricht, Erziehung,
Wissenschaft, Gewerbe, Börse, Handel, alles hat die ghibellinische Färbung
angenommen, die Färbung der Centralisation, des Aufsaugens aller Säfte und
Kräfte der Gesellschaft. Was ist diesem Mechanismus noch der Mensch? Der hat nur
noch Wert, soweit er Bürger ist! Und um ihm das Gefühl nicht ganz zu rauben,
dass sein Dasein auf diese Art seinem wahren Zusammenhange mit Gott und der Natur
entrückt wird, hat man ihm auch zur Not noch einige religiöse Veranstaltungen
gelassen, eine Kirche, einen Geistlichen, die Formen eines alten Cultus; man
gibt sich die Miene, diese Veranstaltungen, ob man sie gleich im geheimsten
Einverständnis für überlebt erklären müsse, doch heilig halten zu wollen und
sogar vor Anfechtung zu schützen; und doch, bei jeder Frage, die nur irgendeine
des Lebens ist, bei jedem Zusammenstoß zwischen dem Ewigen und dem Irdischen hat
die Gewalt des Irdischen die Oberhand. Wir sind, wo wir hinblicken, in gröberer
wie in feinerer Form, durch und durch ghibellinisirt ... So ist denn erklärlich
die von keiner äußern Veranstaltung, sondern aus einem natürlichen Drange der
Gläubigen aller Zonen ausgehende Bewegung unserer Zeit, innerhalb nicht nur
unserer, sondern aller Kirchen, die unter Staatsbevormundung stehen, sich ihr
eigenes, selbstbestimmtes und selbstbestimmendes Leben wieder zurückzugewinnen.
Das neue Welfentum ist es in den Abendcirkeln Sr. Eminenz offen und ehrlich
genannt worden. Wie sogar die protestantische Kirche, wenn sie diesen Namen
verdient, sich täglich mehr ablöst und ablösen wird von dem Staate, dem sie
freilich
