 ihn zu stören. Er sah nach der
Gegend des Geräusches und wiederholte, während Hunnius ein scharfes St! wie auf
seiner Kanzel beim zu frühen Nasenputzen ertönen ließ:
    Der Gegenstand derselben war an sich ein unverfänglicher, ließ aber einen
historischen Rückblick auf die Kämpfe der Welfen und Ghibellinen zu.
    Pater Sebastus stockte von neuem. Aber ein Blick rundum bewies ihm, dass
alles jetzt in einer Weise an seinen Lippen hing, wie er dergleichen noch
vielleicht von Göttingen, wo er docirt haben sollte, gewohnt war ...
    Der Redner, fuhr er mit immer gleicher Gelassenheit, doch pointirt und fest
fort, sprach in einer Stadt, die fast ausschließlich nur unsern Glauben bekennt;
und doch hatte er jenen Standpunkt, den die protestantische Wissenschaft mit der
ihr eigenen Einseitigkeit für die Würdigung des Mittelalters aufgebracht hat.
Alles, was in einem Zusammenhange mit Rom steht, ist nach dieser Lehre Tyrannei
und Finsternis; alles, was dagegen die deutschen Kaiser wollten, ist Vernunft
oder Freiheit. Dem anwesenden überwiegenden Teil der Gesellschaft, den Damen,
war der von dem Professor entwickelte Gegensatz völlig unbekannt; so dämmern
jetzt die Gemüter in ihren wichtigsten Lebensfragen hin! Sie nahmen die Welfen
für den unheiligen, teuflischen Gegensatz der Ghibellinen, diese für die
lichtreine, sonnenhelle Partei; dort herrschte nur der finstere Ahriman, hier
der lichtstrahlende Ormuzd. Mönchtum, Pfafferei, Sonderbündlerei, Hierarchie
sind die Kennzeichen der Welfen; Aufklärung, Ordnung, nationale Hoheit und Größe
die der Ghibellinen. Rom soll die natürliche Residenz nur der Nachfolger Karl's
des Großen und des Julius Cäsar sein. Die Hohenstaufen sollen nichts als nur die
Befreiung der Welt von den Anmassungen der Hierarchie bezweckt haben. Dass die
Welfen in Italien vor allem ihr Vaterland verteidigten, dass sie sich in
einzelne Städte und Genossenschaften trennten, um nicht durch die Unterwerfung
unter Einen die eigentümlich bedingte, jahrtausendjährige Freiheit des
väterlichen Bodens zu verlieren, dass dabei der Priester, wie immer, der Freund
und Beistand des einzelnen gegen den Druck der Masse blieb, der Priester der
Freund und Beistand der bangen Seele gegen die Anfechtungen der Welt, der
Priester derjenige, der noch auf dem letzten Gange zum Schaffot den Verbrecher
begleitet und wenigstens noch vor Gott, nachdem die bürgerliche Genossenschaft
ihn längst ausgestoßen hat, sein Anwalt bleibt, ja dass diese geistliche Hilfe
den Bedrängten auch in den politischen Nöten beisprang und sich Vaterland,
Freiheit und Glaube gegen die Anmassungen der fremden Eindringlinge hochherzig
verbunden hatten - dafür, ich sage dafür hatte der Redner keine andere
Ausdrucksform als die bei der jenseitigen Wissenschaft übliche geringschätzende
und verdächtigende ...
    Der Mönch hielt einen Augenblick wieder inne, alles horchte gespannt, selbst
der Dechant.
    Ruhig und mit immer sich gleichbleibender Stimme fuhr der Franciscaner fort:
