 Sacktuch so lange in der Tasche, bis ich sage: Putzt jetzt eure Nasen!«
... und dann von derselben Hand, von demselben Munde eine zarte »Purpurviole«
auf das Grab eines Märtyrers niedergelegt in Tönen und in Weisen der
Überschwenglichkeit! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen.
    Dennoch würde der Dechant, eingedenk seiner Siriusreligion, auch das
ertragen und gelächelt haben, selbst über die unablässige geheime Polemik im
»Kirchenboten« gegen ihn selbst, gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene
Richtung - vor allzu bösen Umtrieben schützten ihn die reichen Geldspenden, die
man in der Dechanei für alles und jedes, selbst »zum Ankauf von Kohlen zu
Scheiterhaufen«, wie er sagte, zu jeder Zeit erhalten konnte - aber bei den
Konferenzen, die Hunnius eingeführt hatte, konnte er oft gar verdrießlich werden
über die vielen Erdenschlacken des Himmlischen, über den Sauerkrautsduft auch
sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Konferenz vor sechs Wochen hatte
er wie ein Zelot gesprochen:
    Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden? Auf welchem Koncil? Durch
welchen Apostel, Märtyrer oder Bekenner?
    Es war nicht Scherz, wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon
mit dichten Dünsten und Nebeln gefüllte Schulstube den sich teilweise
Erhebenden entgegenrief:
    Meine Herren! Der Geist heißt doch, wie Sie wissen, auf hebräisch Ruach und
Sie machen regelmäßig, wenn Sie zusammensitzen, Rauch daraus!
    Auf den Schulbänken und die Schulsitze entlang lächelten zwar über zwanzig
Geistliche, aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jüngeren
sogar bei ihren Zigarren ...
    Völker und Geistliche, die den Wein genießen dürfen, fuhr der Dechant sich
setzend und brummend fort, sollten den Taback den türkischen Derwischen
überlassen!
    Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab. Jeder der
Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen.
    Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages
wieder auf.
    Er billigte eines Redners Vorsicht, die eben angeraten hatte, nicht blind
in das Messer der Bureaukratie zu laufen. Aber, setzte er auf den Tisch
schlagend hinzu, die Zeit rückt immer näher, wo wir mit allem, und wär's mit
Freiheit und Leben, für unsere Mutter, die Kirche, werden einstehen müssen! Da -
er zeigte auf den Franciscaner -, der ehrwürdige Pater Sebastus dort berichtet
uns, dass in der Residenz des hochwürdigsten Kirchenfürsten die Dinge immermehr
auf die Spitze getrieben werden - auf die Spitze der Bajonnete!
    Von draußen hörte man das Klingeln der Ladestöcke; der Dechant öffnete sich
das Fenster, an dem er saß.
    Ihr junges Volk! sprach er murmelnd vor sich hin und drückte ein
Sammetkäppchen auf sein Silberhaar. Wer in Zeiten gelebt hat,
