, wie bei den
intermittirenden Atemzügen eines Sterbenden. Dieser Zustand beunruhigte sie
nicht ... Sie hatte ihn schon oft erlebt, schon oft hatte man das Erlöschen der
Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den
Kopf, rückte einige Stühle dem Sopha näher und wollte jetzt gehen, so sehr ihr
auch fast die Sinne schwanden.
    Da blickte der Kranke empor.
    Ich habe Sie ganz wohl gehört, gute Freundin! hauchte er leise. Ich werde
Sie doch so nicht gehen lassen - ohne meinen Segen?
    Nun richtete er sich ein wenig auf und sprach mit erhöhter Stimme:
    Lucinde, wenn Sie spielen, denken Sie nur nicht an die paar Menschen, die
Sie vor sich sehen, sondern allein an die Menschheit im großen und ganzen!
Verachten Sie die, die Sie sehen, und lieben Sie die, die Sie nicht sehen!
Lassen Sie die Hörer fühlen, dass Sie eine Prophetin sind, die in diesem
Augenblick jeden beschämen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge
sieht den Himmel offen - und hört keine Dissonanz dieses elenden Lebens mehr!
Dort oben, so glauben Sie wenigstens, wird alles Harmonie werden! Dort werden
wir erfahren, warum wir hienieden die volle schöne Ahnung des Glückes haben
durften und doch so viel leiden mussten! So hab' ich als Kind immer den Märtyrern
nachgefühlt, wenn die um ihren Glauben so Grauenvolles erfahren mussten. Knien
musst' ich dann in der Einsamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr römischen
Landpfleger und Proconsuln alle! Gebt mir nur die tödtliche Wunde! Das wird mich
gleich in die Freuden des Paradieses versetzen! Dieser Glaube ist hin ... aber
wenn er uns irgend noch einmal aufleben kann, ist es in der Poesie. Blicken Sie
nur immer empor und tun Sie sich nichts auf den schönen Harnisch zugute! »Mein
ist der Helm und mir gehört er zu!« Wer da auf Bertrand zuspringt und sich wie
eine Amazone geberdet, hat schon verloren! Für diese Seherin, die ihre Zukunft
kennt, ist das Überbringen dieses alten kriegerischen Schmuckes eine ganz
einfache, sich von selbst verstehende Bestätigung ihrer Vision der Gottesmutter.
Von da an beginnt in ihr die festeste Zuversicht und eine einfache, demütige
Unterordnung unter den Rat des Verhängnisses! Mit dem Himmel spricht sie, wie
andere mit sich selbst. Vergleicht sie dann ihre schwache Menschenkraft mit der
Größe der ihr gestellten Aufgabe, dann darf sie einen elegischen Ton anschlagen,
zu dem jedoch die Musik der Verse nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit sich
selber fühlt sie, sie spricht es aus, wenn sie Lionel sieht. Warum sie gerade
den liebt, nachdem sie Tausende von Männern gesehen, ...
