 Vertrauen geschenkt, als er begehrte und als vielleicht von andern
gutgeheissen wurde ... Und dennoch lebte er in vertraulichster Beziehung zu
Menschen, die er hasste und die er aus Grund der Seele hätte meiden sollen ...
Diese Gegensätze unterwühlten seine Ruhe, brachen seinen Mut ... Auf seinem
Antlitz fühlte er eine brennende Maske, ein Mal der Scham ... Sein
Glaubensbekenntnis des Sichergebenmüssens in Lagen, in die uns die Laune des
Zufalls gestellt hätte, war dahin ... Nimm Partei! riefen ihm geheimnisvolle
innere Stimmen schon seit jener Stunde, als sich ihm die Mutter in Wien in der
ganzen Einseitigkeit ihrer Nationalität offenbart hatte ... Als er dann Italien
selbst gesehen, als er auch Bonaventura in so wunderbarer Schnelligkeit auf den
gleichen Boden verpflanzt gefunden, da führten die gemeinschaftlichen
Anschauungen, die übereinstimmenden Ergebnisse des Nachdenkens beide auf die
feste Überzeugung, dass nur in Italien und vorzugsweise aus der römischen Frage
heraus die Entscheidung der weltgeschichtlichen Schicksale Europas zu suchen
wäre ...
    »Die Zeit deiner großen Revolutionen«, hatte Benno noch vor kurzem an den
Onkel Dechanten geschrieben, »ist näher, als Du in Deinem friedlichen Asyle
ahnst! ... Die Frage, um die sich Beda Hunnius so erhitzt, die Frage eines
Bruchs der deutschen Kirche mit Rom ist nur ein Symptom ... Rom und die große
Sache der Geistesfreiheit können zu ihrem Abschluss nur durch die politischen
Schicksale Italiens kommen ... Wird der Schemel der irdischen Macht dem
Stellvertreter Christi unter den Füßen weggerissen, dann kann ihm nichts mehr
von seinen alten, auch den geistigen Druck der Welt unterstützenden
Machtansprüchen bleiben ... Eine Weile wird er sich noch Patriarch von Rom
nennen dürfen; aber jede neue Phase der Geschichte nimmt ihm eine Würde nach der
andern ... Damit bricht der Bau der Hierarchie und das schon halbvollendete Werk
der Jesuiten zusammen« ...
    Ob auch der Katholizismus? ...
    Benno hatte seinen zwischen Katholizismus und Protestantismus in der Mitte
gehenden Standpunkt offen dargelegt ... Er hatte dem Onkel geschrieben:
    »Ich glaube nicht an die propagandistische Kraft des protestantischen
Geistes; ich zweifle sogar an dem entscheidenden Ausschlag, den die Völker der
germanischen Zunge überhaupt noch der Geschichte geben ... Das germanische
Mutterland ist in zwei Hälften gespalten: Österreich hat die Gedankengänge der
romanischen Welt angenommen; Preußen hat die kühne Neugestaltung Friedrich's des
Großen nicht zu verfolgen gewagt ... Die germanische Welt wäre nur insofern
kraftvoll, als ausschließlich mit ihr der Protestantismus geht ... Eine durch
Österreich vertretene germanische Welt ist keine oder der Name Deutschland wird
zum Schrecken jeder Nation, die ihre Freiheit anstrebt ... Nun aber lieb' ich
Deutschland, liebe seine
